Innere Verdichtung
Das Debüt ist lange her. Vor sechsundzwanzig Jahren dirigiert Daniel Barenboim den «Tristan» zum ersten Mal: an der Deutschen Oper Berlin, wenig später dann in Bayreuth. Damals waren viele, nicht nur im Orchester, skeptisch. Würde ein weltberühmter Pianist, der zwar das Orchestre de Paris leitete, aber wenig Opernerfahrung hatte, das wirklich hinkriegen? Barenboims «Tristan» klang damals oft nach Debussy.
Er atmete französische clarté, sparte Pathos strikt aus und lebte so sehr aus Pastellfarben, dass man den Eindruck hatte, der verdeckte Orchestergraben würde dem Ansatz mehr schaden als nutzen. Ein Jahrzehnt später, bei Heiner Müllers «Tristan», holte Barenboim, inzwischen «Ring»-erfahren, das Pathos zurück. Er reizte Extreme aus. Die Wucht des Orchesterklangs fegte den Deckel fast weg. Die Tempi wechselten spontan und krass. Die Sänger waren nicht zu beneiden. Wenn er jetzt, wieder ein Jahrzehnt später, «Tristan» dirigiert, dann hat das mit Summe zu tun, mit gewachsener Erfahrung und mit einer inneren Verdichtung, die man so schnell nicht vergisst.
Wie kommt sie zustande? Zum Beispiel dadurch, dass Barenboim schnelle Tempi ein bisschen zurücknimmt und langsame sanft beschleunigt. ...
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