In Schieflage

Philipp Stölzl und Manfred Honeck versuchen in Stuttgart «Die Fledermaus»

«Verantwortungslose Heiterkeit, die in diesem Wirrsal ein Bild unserer realen Verkehrtheiten ahnen lässt», ist nach Karl Kraus das Wesen der Operette. Was der österreichische Satiriker treffend formuliert, hat der Filmregisseur Philipp Stölzl – sein «Goethe!»-Biopic läuft gerade in den Kinos – beim Wort genommen und mit viel Aufwand in seiner Inszenierung der «Fledermaus» auf der Bühne der Staatsoper Stuttgart nachgestellt.

Stölzl stellt den karnevalesken Rausch aus Frenesie und Verbrüderung, den der Wiener Walzerkönig entfesselt, in einen ebenso überraschenden wie originellen Rahmen: Noch bevor die Musik einsetzt, sehen wir Prinz Orlofsky zwischen den Bäumen seines Lustgartens. Der blasierte junge Lebemann, glänzend verkörpert von Helene Schneiderman im glitzernden Tutu, kann nicht mehr lachen. In Erwartung der frivolen Ballnacht lässt er als Dompteur mit der Reitpeitsche die Puppen tanzen – und verspricht mehr, als Stölzl halten kann.

Der Garten bleibt stehen und gibt beim Aufgehen des Vorhangs einen Kubus frei – einen aufs Puppenstubenformat gestutzten gründerzeitlichen Salon in dezentesten Weiß- und Grautönen. Das Puppenstubenzimmer schwebt von Beginn an in leichter Schieflage, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2010
Rubrik: Magazin, Seite 68
von Uwe Schweikert

Vergriffen
Weitere Beiträge
Licht im Darkroom

Gutfinden ist für Kritiker ein schwieriges Geschäft. Wer es wagt, eine Produktion zu loben, die sonst als geistlos abgewatscht wird, muss davon ausgehen, anschließend von Kollegen darum gebeten zu werden, ihnen das doch bitteschön mal persönlich zu begründen. Auch der neue «Don Giovanni» an der Deutschen Oper Berlin, von vielen Kritikern verrissen, evoziert in dem,...

Die Technik führt Regie

Ursprünglich nannte Walter Braunfels seine Oper «Die heilige Johanna». Und das Libretto basiert auch nicht, wie meist angegeben, auf den Prozessakten, die er gar nicht lesen konnte, sondern auf George Bernard Shaws gleichnamigem Erfolgsstück. Es ist eine klassische Literaturoper mit Einsprengseln aus Shakespeare, Schiller und dem Urteil der historischen Jungfrau...

Wo ein Wille ist, ist manchmal auch ein Weg

Ein wenig erinnert er an Peer Gynt. Wie der Titelheld aus Ibsens Drama, so ist auch Stefan Solyom viel herumgekommen in der Welt. Doch die Motivation hinter der Reiserei könnte unterschiedlicher nicht sein. Gynt, der Unglücksrabe, sucht (vergeblich) das Leben und die Liebe. Solyom, das Glückskind, hat beides schon gefunden. Und dazu seinen ersten festen Job. Seit...