Im Zentrum der Mensch

Sein Verständnis vom Musiktheater, überhaupt von Musik, war immer ein politisches, gesellschaftliches, aber auch ein idealistisch-humanistisches. Vor 100 Jahren wurde LUIGI NONO geboren. Eine kritische Würdigung

Opernwelt - Logo

Nono klagt an, und seine Sprache ist Feuer.» Das schreibt 1963 der Komponist Karl Amadeus Hartmann über den 39 Jahre alten, künstlerisch und auch persönlich sperrigen Venezianer Luigi Nono. Im konservativen Westdeutschland der Adenauerzeit eckt der bekennende Kommunist Nono mit seiner künstlerischen Aufarbeitung der faschistischen Gewaltherrschaft und seinem Engagement für die Rechte der Arbeiterklasse verlässlich an.

Doch der väterliche Freund Hartmann nimmt den Kollegen mit Blick auf die konfliktreiche Nachkriegszeit gegenüber seinen Kritikern in Schutz: «Nono ist unerbittlich und hart, denn die Bedrohung ist ungeheuer, und bedroht ist der Mensch, der dem Künstler Nono, dem Menschen Nono einziger Sinn seines Schaffens ist.» Der Mensch im Zentrum – diese Botschaft verbindet die beiden ungleichen Charaktere: Hartmann, der unter dem langlebigen Faschismus in den Köpfen der Deutschen litt, und Nono, der in der katastrophalen condition humaine in vielen Ländern der Erde eine Folge von kapitalistischem Eigennutz und kolonialer Herrschaft sieht.

Den größten Teil seines Lebens verbringt Nono in Venedig. Hier wurde er vor 100 Jahren, am 29. Januar 1924, als Spross einer alten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2024
Rubrik: Essay, Seite 54
von Michael Struck-Schloen

Weitere Beiträge
Der Duft von Flieder

Die Wege zur Liebe sind, wie die Wege der Liebe selbst, häufig verschlungen. Auch bei Jean Anouilh, den wir vor allem als «Übersetzer» des antiken Antigone-Stoffes kennen. Sein Poem «Les Chemins de l’amour» beweist, wie gewandt der Dramatiker auf diesem Gebiet war, und so verwundert es wenig, dass Francis Poulenc die Verse zu einer Mélodie für Gesang und Klavier...

Endlich frei

Mariettas Kleid in sonnig strahlendem Orange (bunte, auch romantisch blaue Blumen sind darauf gedruckt) erzählt ausdrücklich von der hellen Seite des Lebens. Und doch gleicht es aufs Haar dem Gewand einer Toten: ihrer «Vorgängerin», Pauls verstorbener Frau Marie, die (in Gestalt der jungen Tänzerin Natalie Kien) in jenem betongrau gruftig-düsteren Verlies haust,...

Ausflüge in eine andere Welt

Herr Köhler, ein Kritikerkollege aus dem Schauspiel hat Sie einmal einen «Theatermacher essenzieller Zeichen» genannt. Haben Sie eine Ahnung, was er damit sagen wollte?
Es ist immer schwer, so etwas selbst einzuschätzen. Aber in meiner Auseinandersetzung mit den Stücken geht es nie um Zeichen – es beginnt immer mit dem Konzept. Sowohl im Schauspiel als auch in der...