Im Dickicht der Dialektik
Im Anfang ist nicht das Wort. Sondern festliche Musik, wiewohl ironisch verfremdet. Das Orchester spielt die Introduktion zum dritten Akt von Händels «Salomo», aus der Tiefe des Raums kommt Valery Tscheplanova, auf High Heels, im hautengem Kostüm, in Händen die sternenbekränzte USA-Flagge. Einzug der Königin von Saba? Ja und Nein. Ja, weil erotische Energien freigesetzt werden wie in der Verfilmung der biblischen Geschichte mit Gina Lollobrigida. Nein, weil sie sofort gebrochen sind. Verführung führt hier nicht zum Glück. Verführung führt direkt ins Verderben.
Die Welt, vor allem die US-amerikanische, ist schlecht. Und nichts ungeheurer, scheußlicher als ihr männlicher Teil.
«Molto agitato» heißt die Eröffnungspremiere dieser Spielzeit an der Hamburgischen Staatsoper, sie ersetzt die geplante «Boris Godunow»-Inszenierung von Frank Castorf. Der Regisseur verknüpft stattdessen Werke von Händel, Ligeti, Brahms und Weill, und dies auf obsessive, höchst raffinierte Weise. Man muss sich förmlich hineinzwängen in das dialektische Dickicht, um zu verstehen, dass hinter der slapstickhaften Monotonie der Aktionen eine harsche moralische Anklage wohnt. Castorf rechnet ab mit allen, die den ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Jürgen Otten
Das Damoklesschwert der Corona-Quarantäne schwebt über uns allen. Kein Wunder, dass Träume zu Alpträumen mutieren und Bilder der Zwangsisolation, die uns noch lange begleiten werden, die Theaterszene beherrschen. Ein Stück wie Henry Purcells in den 1680er-Jahren entstandene Kurz-Oper «Dido and Aeneas», die als klassisches Modell des männlichen Liebesverrats gilt,...
Den Brüdern Edmund und Jules de Goncourt verdanken wir nicht nur einen renommierten französischen Literaturpreis, sondern auch den Aphorismus, die Anekdote sei der Groschenbasar der Geschichte. Mit Letzterem kokettierte zweifellos Rosina Storchio (1872–1945), Puccinis erste Butterfly. Denn die Diva verkörperte bei der Uraufführung von Leoncavallos «Zazà» anno 1900...
Tolles Cover. Ungeschönt, ehrlich, direkt. Dazu erzählt es viel über diese ziemlich außergewöhnliche Frau. Der Blick ist klar, streng und doch verträumt, fast liebevoll. Um die geschlossenen Lippen spielt leise Ironie. Und beide Arme sind verschränkt, einerseits resolut, andererseits wie zum Schutz. Sie ließen sich öffnen. Und mit ihnen würde man einen Weg...
