Im Dickicht der Dialektik
Im Anfang ist nicht das Wort. Sondern festliche Musik, wiewohl ironisch verfremdet. Das Orchester spielt die Introduktion zum dritten Akt von Händels «Salomo», aus der Tiefe des Raums kommt Valery Tscheplanova, auf High Heels, im hautengem Kostüm, in Händen die sternenbekränzte USA-Flagge. Einzug der Königin von Saba? Ja und Nein. Ja, weil erotische Energien freigesetzt werden wie in der Verfilmung der biblischen Geschichte mit Gina Lollobrigida. Nein, weil sie sofort gebrochen sind. Verführung führt hier nicht zum Glück. Verführung führt direkt ins Verderben.
Die Welt, vor allem die US-amerikanische, ist schlecht. Und nichts ungeheurer, scheußlicher als ihr männlicher Teil.
«Molto agitato» heißt die Eröffnungspremiere dieser Spielzeit an der Hamburgischen Staatsoper, sie ersetzt die geplante «Boris Godunow»-Inszenierung von Frank Castorf. Der Regisseur verknüpft stattdessen Werke von Händel, Ligeti, Brahms und Weill, und dies auf obsessive, höchst raffinierte Weise. Man muss sich förmlich hineinzwängen in das dialektische Dickicht, um zu verstehen, dass hinter der slapstickhaften Monotonie der Aktionen eine harsche moralische Anklage wohnt. Castorf rechnet ab mit allen, die den ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Jürgen Otten
Glück im Unglück: Eine defekte Sprinkleranlage, die das Duisburger Theater unter Wasser setzte, vereitelte im vergangenen Jahr die Aufführung des 2017 in Düsseldorf begonnenen, mittlerweile komplettierten «Rings» in der Inszenierung von Dietrich Hilsdorf. Doch die Notlösung einer konzertanten Wiedergabe in der benachbarten Mercatorhalle erwies sich dann für den...
Wie alle italienischen Festivals, so hat auch Pesaro beschlossen, auf jeden Fall ein (wenngleich reduziertes) Programm anzubieten, mit einer Produktion im Teatro Rossini und verschiedenen Open-Air-Konzerten auf der Piazza del Popolo; dort wurde eine Bühne gebaut, die aufgrund der geltenden Hygieneauflagen 600 statt der üblichen 1000 Besuchern Platz bot. Im Teatro...
Wie oft müsste man leben, um aus dem Tod klug zu werden?» Der Schriftsteller und Philosoph Elias Canetti formulierte diese Frage in seinen zahlreichen Schriften über den Tod, mit dem er haderte, den er am liebsten abgeschafft hätte – «wenn es ginge». Allein, es geht nicht. Bislang. Man weiß nicht, ob Andriy Zholdak ähnlich wie Canetti dem Tod den Krieg erklärt...
