Im Dickicht der Dialektik
Im Anfang ist nicht das Wort. Sondern festliche Musik, wiewohl ironisch verfremdet. Das Orchester spielt die Introduktion zum dritten Akt von Händels «Salomo», aus der Tiefe des Raums kommt Valery Tscheplanova, auf High Heels, im hautengem Kostüm, in Händen die sternenbekränzte USA-Flagge. Einzug der Königin von Saba? Ja und Nein. Ja, weil erotische Energien freigesetzt werden wie in der Verfilmung der biblischen Geschichte mit Gina Lollobrigida. Nein, weil sie sofort gebrochen sind. Verführung führt hier nicht zum Glück. Verführung führt direkt ins Verderben.
Die Welt, vor allem die US-amerikanische, ist schlecht. Und nichts ungeheurer, scheußlicher als ihr männlicher Teil.
«Molto agitato» heißt die Eröffnungspremiere dieser Spielzeit an der Hamburgischen Staatsoper, sie ersetzt die geplante «Boris Godunow»-Inszenierung von Frank Castorf. Der Regisseur verknüpft stattdessen Werke von Händel, Ligeti, Brahms und Weill, und dies auf obsessive, höchst raffinierte Weise. Man muss sich förmlich hineinzwängen in das dialektische Dickicht, um zu verstehen, dass hinter der slapstickhaften Monotonie der Aktionen eine harsche moralische Anklage wohnt. Castorf rechnet ab mit allen, die den ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Jürgen Otten
Gibt es so etwas überhaupt? Eine «freundliche Einsamkeit» und «amouröse Brisen»? Nun ja, bei Wolfgang Amadé Mozart schon, genauer: in jenem zartgliedrigen, leuchtend-verträumten Accompagnato-Rezitativ aus «Idomeneo», das über einem liegenden A-Dur-Akkord anhebt und in der Folge einen samtenen Teppich aus sordinierten Streichern und Klarinetten webt, darauf die...
Metronome klicken und klacken gleich einer kakophonischen Fuge. Die jeden Klavierschüler nervenden Dinger lernen laufen, unter Wasser sogar, wo sie auf den grimmig dreinblickenden Herrn Beethoven treffen, der just hier unten, in den Tiefen des Rheins, der fernen Geliebten in diversen erotischen Unterwasserstellungen näherkommen darf, als es da oben auf Erden...
Das Beethoven-Jahr hat es erneut zutage gefördert: Das 19. Jahrhundert lastet immer noch auf uns. Mag die Rezeption ihn auch «ent-titanisiert» haben, so bleibt er doch Galionsfigur einer deutsch geprägten Hochkultur; nicht zuletzt nach der Devise, dass «große Männer» nun einmal Geschichte schreiben – und «starke» zumal die Geschicke der Nationen bestimmen, wie...
