Hoffnung gibt es keine

An der Staatsoper Unter den Linden in Berlin inszeniert Claus Guth «Chowanschtschina» von Mussorgski als ewige Wiederkehr russischer (Gewalt-)Geschichte

Opernwelt - Logo

Diese Düsterkeit ist niederschmetternd. Nachdem Blut geflossen ist wie Wasser, nachdem verraten, betrogen und gemordet wurde, als gäbe es kein Morgen, nachdem Anführer und Herrscher aufstiegen und wieder aus dem Weg geräumt wurden – nach all dem steht das Volk, repräsentiert hier von den sogenannten «Altgläubigen», mit erhobenen Armen da und wünscht sich nichts sehnlicher als den eigenen Untergang. «Der Herr wird mich retten, nichts wird mir mangeln», singen sie vermutlich im Rückgriff auf den 23. Psalm «Der Herr ist mein Hirte».

Aber nicht an die «grüne Aue» und auch nicht an das «frische Wasser» dieser berühmten Trost-Verse denkt das Volk in diesem Moment, sondern an den Tod im Feuer. Nur hier, in den «reinigenden Flammen», werde man frei von der sündenreichen Last des irdischen Daseins, nur im Tod warte jenes Leben, das man sich auf Erden immer erträumt hat. Selten wurde die Enttäuschung von allem Weltlichen so hymnisch besungen wie am Ende von Modest Mussorgskis «Chowanschtschina».

Claus Guth, der das Stück nun an der Berliner Staatsoper inszeniert hat, scheut vor dem Bogen ins heutige Russland nicht zurück. Brutalität und Untergangslust, Machthunger und Todeskult, dabei das ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Clemens Haustein

Weitere Beiträge
Der Augenblick der Liebe

Den Edelmann aus der Mancha kennen die meisten lesenden Erdenbewohner, Miguel de Cervantes hat ihm ein opulentes, 1500 Seiten langes literarisches Denkmal gesetzt. Wie sein Leben klingen könnte, das wissen zumindest Richard-Strauss-Fans; dessen burleske Tondichtung gehört zum Besten, was in der Gattung zuwege gebracht wurde. Wie sich aber Don Quichotte auf der...

Feel good!

Möchten Sie beichten?» Im Foyer des Mecklenburgischen Staatstheaters sammelt eine stark geschminkte Nonne in einer großen Wahlurne sündige Geständnisse der Zuschauenden. Gleichzeitig werden «heiliges Gleitgel» und andere frivole Kleinigkeiten als geistlicher Kommerz verkauft. Man ahnt es schon: Die Erlösung von der prüden Sexualmoral der katholischen Kirche gibt es...

Verniedlichung

Mögen sie Humanität durch unblutigen Tod vorspiegeln wie immer sie wollen – Hinrichtungen sind mit den erreichten zivilisatorischen Standards nie je vereinbar. Auf der Bühne des Detmolder Landestheaters wird die von Staats wegen angeordnete Barbarei dennoch bis zur Harmlosigkeit herabgedimmt. Delinquent Joseph De Rocher findet sich auf einer gewöhnlichen...