HEILIGNÜCHTERN: Arvo Pärts und Robert Wilsons «Adam's Passion»

Opernwelt - Logo

Zwei Meister der Stille und der minimalistischen Reduktion haben in einer ehemaligen U-Boot-Fabrik in Tallinn zu einer Musiktheater-Produktion zusammengefunden (siehe OW 7/2015): der estnische Komponist Arvo Pärt und der amerikanische Theaterkünstler Robert Wilson, der vier Kompositionen Pärts – «Sequentia», «Adam’s Lament», «Tabula rasa» und «Miserere» – zu einer szenischen Tetralogie verdichtet.

Entschleunigung auf Zeitlupentempo, rituelles Schreiten, oft kaum merkliche Bewegungen der Arme und Hände erst eines nackten Mannes, später einer Frau und eines Kindes, schließlich mehrerer puppenhafter Darsteller vor einer in irisierenden Blautönen ständig changierenden Lichtwand, am Schluss grelles, heftiges Scheinwerferlicht und ein angedeuteter Atomblitz – mehr ist nicht zu sehen. Das ist anfangs faszinierend, ermüdet aber auf Dauer, zumal es manchmal hart am Kitsch vorbeisegelt, letzten Endes Pärts Musik nur verdoppelt und von ihrer in die Stille führenden meditativen Spiritualität sogar eher ablenkt. Sieht man mit dem inneren Auge beim Hören nicht intensiver, radikaler, mehr als das, was – wie perfekt auch immer von Wilson inszeniert – Körper, Gestik, Licht, Farbe und symbolische ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Neulich bei Grimms

Nicht alle Hunde, die bellen, beißen auch. Weiß man ja. Der Jäger, der Schneewittchen töten soll, bringt das nicht fertig. Bei Elena Kats-Chernin und Susanne Felicitas Wolf in Berlin muss Schneewittchen nicht mal alleine durch den dunklen Wald: Ein Riesenkarnickel steht ihr bei. Damit sich bloß keiner gruselt. Dazu gibt’s einen bunten Salat aus Britten und Wagner...

Mild und leise

«Wenn Ihr nicht alle so langweilige Kerle wärt, müsste das ‹Rheingold› in zwei Stunden fertig sein», wetterte einst Richard Wagner. Selbst Hans Richter brauchte bei der Uraufführung 1869 in München zweieinhalb Stunden für den «Vorabend» zum «Ring». Nun liegt der Mitschnitt einer konzertanten «Rheingold»-Aufführung vor, wieder aus München. Simon Rattle ist – nach...

Frisch wie am ersten Tag

Was eine Hypothese ist, hat wohl selten einer so schlüssig definiert wie Heinz Meier als Hoppenstedt in einem Sketch Loriots. «Hier wäre die Mitte gewesen ... wäre!», giftet er, nachdem ihm sein Duz-Feind Pröhl zwei Drittel des Kosakenzipfels weggegessen hat. Das hypothetische «Was wäre, wenn» ist ja auch das Um und Auf der Kunst – ja, es scheint, pauschal...