Heilige und Hure
Ist Braunschweig das neue Bielefeld? Das Staatstheater zeigt sich seit einiger Zeit ähnlich neugierig wie das Bielefelder Haus unter John Dew, der in den 80er- und frühen 90er-Jahren die einstige Seidenweber-Stadt mit Opernentdeckungen in die Feuilletons auch überregionaler Blätter brachte. In Niedersachsen liegt der Schwerpunkt dabei auf angelsächsischen Themen – jetzt allerdings langte man für eine späte deutsche Erstaufführung tief in den Notenschrank italienischer Archive.
Was Librettist Silvio Benco vor 120 Jahren in seiner Oper «La Falena» zusammenbraute, ist ein intensiver Sud aus Sünde und Sühne. Auf Deutsch heißt la falena «Nachtfalter». Während der bekanntlich gern im Licht verbrennt, geht es hier um eine Dame, die König Stellio in Versuchung und Verderben führt, obwohl er doch eigentlich seiner keuschen Braut treu sein sollte.
Wie Tannhäuser ist er zwischen der Heiligen und der Hure hin- und hergerissen: Nur heißt die Heilige hier nicht Elisabeth, sondern Albina – weiß ist ihre Seele. Die Falena dagegen steigt in sündiger Robe aus der Tiefe wie ein Showgirl aus der Torte. Sie betört den König nicht nur, sondern treibt ihn auch zum Mord – Fastschwiegervater Uberto ist das ...
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Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Rainer Wagner
Was ist eine Abenddämmerung im Frühling anderes als eine Vielzahl unvollendeter Geschichten?» Selten hat ein Dichter die Verwirrung des Geistes durch die Gleichzeitigkeit der Ereignisse und die Melancholie des Unvollendeten so poetisch-treffend beschrieben wie Bruno Schulz, der Autor und Maler aus dem ostgalizischen Drohobycz. In seinem Buch «Die Zimtläden», das...
Gerade haben Sie mit der «Idomeneo»-Elettra Ihrem Repertoire eine neue Rolle hinzugefügt. Wie gehen Sie mit so einem Charakter um? Versuchen Sie, Verständnis für die Figur zu entwickeln?
Eigentlich kann ich sie nicht verstehen. Elettra ist voller Rachegefühle, und in meinem normalen Leben spielen Zorn und Rache keine Rolle. Sie hat aber eben deshalb sehr klare...
Wenn sich der Vorhang öffnet und die schwarz ausgehängte Bühne freigibt, robbt ein nackter Mann mit einem überdimensionalen Hut über den Boden. Bald kommen zwei weitere nackte Performer hinzu – mit derselben spitz zulaufenden Kopfbedeckung, die mehr einer Ku-Klux-Klan-Maske als an einem Juden-Hut ähnelt. Dominiert wird die dunkle, meist nur dämmrig ausgeleuchtete...
