Hedvigs Welt
Kurz vor drei ist die Welt an diesem Nachmittag auf der Eteläesplanadi noch in Ordnung. Der Himmel ein schwereloses Gemälde in Graublau, vom Hafen weht eine sanfte Brise herüber, und angenehm warm ist es auch: 23 Grad Celsius. Auf dem sandkörnigen Mittelstreifen herrscht reger Flaneur-Verkehr, und auch die wenigen Parkbänke vor der Espan Lava, einer Konzertbühne en miniature mit goldener Lyra auf dem Dach, füllen sich nach und nach.
Gekommen sind vor allem ältere Menschen, die es sich nicht nehmen lassen, einige der Sängerinnen und Sänger zu hören, die es bei der diesjährigen Mirjam Helin International Singing Competition zwar nicht ins Halbfinale oder gar Finale geschafft haben, denen aber das beliebte Format noch einen öffentlichen Auftritt ermöglicht. Was allein schon deswegen erstaunlich ist, weil als Begleitinstrument nur ein Keyboard zur Verfügung steht, dessen Klänge nicht nur einmal vom Winde verweht werden.
Irgendetwas an diesem Ambiente aber muss die Götter erzürnt haben. Denn kaum ist Marie Sofie Jacob ans Mikrofon getreten, um eine Kostprobe ihres Könnens zu geben, verfinstert sich der Himmel über Helsinki und öffnet schließlich, begleitet von orkanartigen Böen, seine ...
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Opernwelt August 2024
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Jürgen Otten
All die vielen kleinen Motive, die Leoš Janáček dem Duktus des Tschechischen abgelauscht und in rhythmische Floskeln, gackernde Holzbläsereinwürfe und prägnante Melodien übersetzt hat, rauschen sprechend an uns vorüber – mitunter in manischer Erregtheit, dann auch mal mit versteckter Hinterlist. Dirigent Alexander Joel hat mit dem Orchestre de l’Opéra de Lyon...
Mozarts «Così fan tutte» ist eine der wenigen Opern, die man eigentlich nicht verfehlen kann, weil die szenische Dramaturgie von Lorenzo Da Pontes genialem Libretto in jedem Setting, ob konkret verortet oder abstrakt, funktioniert. Die Wette auf die Frauentreue, die Don Alfonso inszeniert, gleitet dem misogynen Zyniker schnell aus der Hand, aus Spiel wird Ernst....
Irgendwann wurde es ihm dann doch zu viel. Die Berge voller Leichen, das Blut, die verstümmelten Körper, das martialische Kriegsgeschrei, dieser unaufhörliche, schauderhafte Schrecken war so unaushaltbar geworden, dass er beschloss zu gehen, irgendwohin. Jedenfalls hinunter von der Bühne, heraus aus dem Theater der Grausamkeit, hinein in ein neues, anderes,...
