Hartmann, Mozart, Grétry im Praxistest
Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu: In der Kunst geht nichts ohne Form. Die besten Ideen verblassen und alle kreative Energie verpufft, wenn es keinen Rahmen, keinen roten Faden gibt, die ästhetische (Ent-)Äußerungen fokussieren. Das gilt erst recht für Strategien, die künstlerische Wahrheit aus der Verletzung etablierter Regeln und Kodes oder aus der gezielten Enttäuschung von Erwartungen zu schlagen hoffen. Wer mit dem Tradierten bricht, muss umso klarer, konzentrierter die Sprache (und die Bezugspunkte) dieses Bruchs formulieren.
Dass der provokative Gestus oft sein Ziel verfehlt, stumpf, mitunter gar bieder wirkt, statt Hirn und Herzen zu bewegen, liegt meist an der diffusen Bestimmung seines Woher und Wohin, Wie und Warum. So besteht der Sinn von Musik- und Kunsthochschulen nicht nur darin, Fachkenntnisse zu vermitteln, sondern auch darin, dass schöpferisches Stürmen und Drängen sich dort an Zwischenrufen erfahrener Fachkräfte abarbeiten muss, um – im besten Fall – die eigene Stimme zu finden.
Die Universität der Künste in Berlin-Charlottenburg schickt seit sieben Jahren angehende Theaterleute in konzertierte Praxistests. Gesang und Schauspiel, Dirigieren ...
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Opernwelt Juni 2011
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Albrecht Thiemann
Thilo Reinhardt inszeniert erst gar nicht den «Tanz der sieben Schleier», wie ihn Richard Strauss, vor allem aber Oscar Wilde erdacht haben, sondern lässt währenddessen Herodes auf den übergroßen Phallus des Propheten einhauen, als hieße der nicht Jesus, sondern Lukas. Nicht genug damit: Während sich die Bühne der Komischen Oper immer schneller um die eigene Achse...
«Madama Butterfly» ist immer wieder Sentimentalität vorgeworfen worden. Ein rezeptionsgeschichtliches Missverständnis? Bei der Mailänder Uraufführung 1904 zumindest wurde das Werk keineswegs als exotisches Rührstück wahrgenommen, sondern als Provokation. Die Premiere bescherte Puccini ein Desaster, es kam ob der deutlich formulierten, massiven Sozial- und...
Unsinn, du siegst, und ich muss untergeh’n...» So etwa mögen ein paar Unzufriedene nach der Premiere von Strauss’ «Salome» bei den Osterfestspielen Salzburg geätzt haben. Das Zitat aus Schillers «Die Jungfrau von Orleans» kommt einem freilich auch in den Sinn, wenn man liest, dass Simon Rattle das Festival in einem Interview als «ökonomischen Unsinn» bezeichnete....
