Güte mit Kalkül
Einer der Erfolgssongs der Pop-Gruppe Erste Allgemeine Verunsicherung provozierte mit dem Refrain: «Einmal möchte ich ein Böser sein, eine miese Sau.» Ein erfüllbarer Wunsch, wie ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt. Auch Titus Flavius Vespasianus (39-81) war nicht jener Gutmensch, als der er in Mozarts letzter Oper beworben wird. So ließ er Jerusalems Tempel zerstören, und die Erbarmungslosigkeit, mit der er gegen Aufrührer (auch gegen vermeintliche) vorging, trug ihm den Ruf des Schlächters ein.
Außerdem konsolidierte er die Staatskasse durch massive Steuererhöhungen, was schon damals nicht als Mildtätigkeit empfunden wurde. Allerdings wirkte er auch durch Wohltaten, unter anderem an den Opfern des Vesuv-Ausbruchs im Jahr 79 – was Erwähnung in «La clemenza di Tito» fand.
Zwiespalt herrscht denn auch in dieser Oper, was Regisseur Sam Brown in seiner sachlich-abstrahierten Inszenierung am Theater an der Wien wahrzunehmen sucht. Er konzediert, dass Titus’ vermeintliche Güte auch als politisches Kalkül verstanden werden mag, und dass die Begnadigung der Gegner des Herrschers zugleich deren seelische Hinrichtung bedeuten konnte. Das emotionelle Wechselbad des Titelhelden zwischen ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Gerhard Persché
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