Großes Kino
In unheimlicher Größe erhebt sich der Brokeback Mountain im Bühnenhintergrund. Ein finsterer Koloss, durchzogen von klaffenden Spalten und Rissen. Die unwirtliche Bergkulisse ist in Lukas Nolls Bühnenbild in schroffem Schwarz-Weiß gehalten, wie eine Federzeichnung. Durch die Videoprojektionen von Marc Jungreithmeier wird sie auf realistische Weise lebendig und entfaltet eine magnetische visuelle Anziehungskraft, verführerisch und bedrohlich zugleich. Das dunkle Heulen im Orchester lässt die wilden Tiere ahnen, die hier lauern.
Als der Komponist Charles Wuorinen 2005 die oscarprämierte Verfilmung von Annie Proulx’ Erzählung «Brokeback Mountain» im Kino sah, war er begeistert. Mit der Autorin als Librettistin machte er aus dem Liebesdrama um zwei homosexuelle Cowboys eine Oper. Anders als beim Film-Soundtrack betont Wuorinen in seiner Musik die Ambivalenz der fiktiven Bergwelt. Bei ihm ist sie Sehnsuchtsort und tödliche Gefahrenstelle zugleich. In eben diesem Spannungsfeld bewegt sich auch Cathérine Mivilles Inszenierung. Die Handlung setzt 1963 ein. Zwei Männer sitzen im Gebirge von Wyoming am wärmenden Feuer. Auf dem Grill Konservendosen, der Cognac wird aus der Flasche getrunken. ...
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Opernwelt April 2022
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Silvia Adler
Zum eindrucksvollsten theatralischen Moment dieser Aufführung geriet der Beginn des dritten Aktes: Ortrud, die Hexe im roten Gewand, breitete inmitten der Bühne zu den strahlenden Klängen des Hochzeitsmarsches ihre Zaubersteine aus. Als ob Europa gerade den Schrecken der Pandemie entronnen wäre und der russische Wahnsinn sich nun anschickte, alles um sich herum zu...
Tora Augestad ist nicht zu fassen. Ein bisschen erinnert eine Begegnung mit ihrer Kunst an die Erkundung von Herzog Blaubarts Schloss: Mehrere «Türen» gibt es da, die man ganz behutsam öffnet, im Glauben, endlich auf den Schatz (oder zumindest auf irgendeine Erkenntnis) zu treffen, um dann doch jedes Mal ziemlich überrascht davon zu sein, was man in den Räumen...
Performative Energien
Ein Multitalent? Es ist anzunehmen. Sirje Aleksandra Viise, die in den USA und in Berlin studierte und sich danach auf die zeitgenössische Musik und Kunst stürzte, ist nicht nur eine Expertin für besondere Klangwelten, sie liebt auch das Experimentelle an sich. Ihre Abende sind mehr als nur reine Aufführungen, sie sind vor allem eindrucksvolle...
