Große Schmerzen, kleine Seelen
Thomas Mann bezeichnete sie als «wesenlos und allmächtig», Hugo von Hofmannsthal legte seiner Feldmarschallin von Werdenberg die Worte in den Mund, sie sei ein «sonderbar Ding». Unter dem Strich ist die Zeit vermutlich beides, und als hätte er dies schon Jahrhunderte vor Mann und Hofmannsthal geahnt, wenn nicht gewusst, überließ William Shakespeare ihr gleich einen ganzen Solo-Auftritt.
Zu Beginn des vierten Akts seines «Wintermärchens», das gemeinsam mit den Romanzen «Perikles» und «Cymbeline» Shakespeares enigmatisches Spätwerk bildet, erscheint die Zeit (als antikischer Chor) auf der Bühne und breitet ihre Schwingen aus. Was als poetischer Einfall brillant ist, folgt dramaturgisch der puren Notwendigkeit. 16 Jahre müssen ins Land gehen, damit sich die Tragödie des Wahns in eine Komödie von feinster Webart verändern kann. Dafür braucht es Zeit. Und sie selbst als Figur.
16 Jahre (und ein opulentes Opern-Œuvre) liegen auch zwischen zwei Musikdramen, die beide das Reich des Tragischen nie verlassen. Sowohl «Le Villi» als auch «Tosca» enden tödlich, eine Verklärung ist höchstens in Ansätzen erkennbar. Was sie trennt, ist das Niveau: Die Opera ballo «Le Villi» steht mit einigem ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Medien, Seite 39
von Jürgen Otten
An einem Oktobermorgen im Jahr 2021 sitzen sich zwei Menschen an einem Tisch im US-Bundesstaat Virginia gegenüber: auf der einen Seite Diane Foley, die Mutter des Journalisten James Foley, und ihr gegenüber Alexanda Kotey, einer der IS-Terroristen, der für die Geiselnahme und Ermordung ihres Sohnes mitverantwortlich gemacht wurde. Wie der Schatten eines entfernten...
Walter Braunfels traf mit seiner Parabel «Die Vögel» 1920 den Geschmack der Zeit. Sein «lyrisch-phantastisches Spiel» entwickelte sich rasch zum Kassenschlager und wurde bis in die 1930er-Jahre sogar häufiger gespielt als Strauss’ Erfolgsopern. Doch Braunfels galt als «Halbjude», und so endete mit der Machtübernahme der Nazis nicht nur seine Karriere als...
Der Protagonist als leuchtendes Vorbild? Zumindest der Beginn dieser Uraufführung, die sein Name titelgebend ziert, suggeriert dergleichen. Noch ist kein einziger Ton erklungen, da sieht man das Gesicht dieses Mannes. Geisterhaft hebt es sich aus einem Bühnendunkel ab, das sich dann nach und nach mit seiner Handschrift füllt, so als wären es vor allem Gedanken und...
