Große Schmerzen, kleine Seelen
Thomas Mann bezeichnete sie als «wesenlos und allmächtig», Hugo von Hofmannsthal legte seiner Feldmarschallin von Werdenberg die Worte in den Mund, sie sei ein «sonderbar Ding». Unter dem Strich ist die Zeit vermutlich beides, und als hätte er dies schon Jahrhunderte vor Mann und Hofmannsthal geahnt, wenn nicht gewusst, überließ William Shakespeare ihr gleich einen ganzen Solo-Auftritt.
Zu Beginn des vierten Akts seines «Wintermärchens», das gemeinsam mit den Romanzen «Perikles» und «Cymbeline» Shakespeares enigmatisches Spätwerk bildet, erscheint die Zeit (als antikischer Chor) auf der Bühne und breitet ihre Schwingen aus. Was als poetischer Einfall brillant ist, folgt dramaturgisch der puren Notwendigkeit. 16 Jahre müssen ins Land gehen, damit sich die Tragödie des Wahns in eine Komödie von feinster Webart verändern kann. Dafür braucht es Zeit. Und sie selbst als Figur.
16 Jahre (und ein opulentes Opern-Œuvre) liegen auch zwischen zwei Musikdramen, die beide das Reich des Tragischen nie verlassen. Sowohl «Le Villi» als auch «Tosca» enden tödlich, eine Verklärung ist höchstens in Ansätzen erkennbar. Was sie trennt, ist das Niveau: Die Opera ballo «Le Villi» steht mit einigem ...
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Opernwelt Mai 2025
Rubrik: Medien, Seite 39
von Jürgen Otten
Leere Quinten, das wissen wir aus dem letzten Lied von Schuberts «Winterreise», verheißen wenig Gutes. Unheil naht, nicht selten der Tod. So ist es auch zu Beginn des vierten Akts von Verdis «Otello». Desdemona schleicht, von Emilias Frage «Era più calmo?» nur vage berührt, wie somnambul durch ihr Schlafgemach, und kaum hat das Englischhorn seinen elegischen Gesang...
In der jüngeren Vergangenheit ist Bergs «Wozzeck» häufig als hyperrealistisches Prekariats-Drama inszeniert worden. Christiane Iven, die einst selbst als Marie auf der Bühne stand, distanziert sich in ihrer nunmehr zweiten Regiearbeit am Anhaltischen Theater Dessau (im Rahmen des Kurt Weill Fests 2025) bewusst von diesem Trend. Sie setzt auf Stilisierung und...
Nein, die blaue Libelle fliegt hier nirgendwo hin. Wie auch, wo sie keine Flügel hat und weit und breit kein Gewässer zu sehen ist, stattdessen aber eine schäbige, mit Kritzeleien beschmierte Häuserfront im Dämmerlicht. An der lehnt, allein, einsam und nervös rauchend, die hinzuerfundene Mutter der Füchsin. Augenblicklich wird klar, die «Libelle» (Alessia Aurora...
