Großartiges Leben im Falschen
Ruggero Leoncavallos «Pagliacci» – hierzulande besser bekannt als «Der Bajazzo» – ist im Grunde ein Stück Meta-Verismo, nein: fast schon zitatreiche Postmoderne (nur mit Authentizitätsfeeling). Da sich der Verismo um 1900 per se anschickte, glaubhaftere Stoffe von der Straße zu erzählen, darf der unförmige Tonio im «Pagliacci»-Prolog sogleich herrlich pathetisch den Unterschied von Schauspiel und Realität Arien-Ersatz besingen.
Nie wurde eine so schöne Publikumsbegrüßung komponiert, die gleichzeitig Serviervorschlag, Operneinführung und theatertypische Aussicht auf das Kommende ist. Die Eifersuchtsgeschichte um Nedda, ihren pathologisch eifersüchtigen Mann Canio und dessen Nebenbuhler Tonio und Silvio setzt sich im zweiten Teil des Verismo-Schlagers im Rahmen eines Commedia-dell’arte-Schauspiels fatal fort. Die Eifersucht aus dem «realen» Leben der Oper (die für uns als Zuschauende gespielte Eifersucht ist) wird im Rahmen eines Schauspiels innerhalb der Oper zur «echten» Eifersucht mit (freilich operntypischer) Todesfolge, was wiederum uns natürlich nur als «echt» präsentiert wird. Kurz bevor der Vorhang fällt, singt Tonio dementsprechend: «La commedia è finita!», und zwischendurch ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Arno Lücker
Bäume? Sucht man vergebens. Ameisenhügel, Haselnüsse, Tannenzapfen? Fehlanzeige. Vogelgezwitscher? Hört man nur im Orchester, dort aber überaus erquicklich und auch in der Folge in glücklichster Trennschärfe; die Kammerfassung von Jonathan Dove ist wirklich famos und wird von Marko Letonja, Bremens neuem GMD, exakt auch so dirigiert. Auf der Bühne aber ist die...
Einem für alle – alle für Einem»: mit diesem Sprüchlein geißelte ein Kritiker vor 50 Jahren die eingängige Zwölftonferne, der sich angeblich die sensationellen Nachkriegserfolge des österreichischen Komponisten verdankten. Das traf den Nagel irgendwie auf den Kopf, nur drang er leider gleich so weit ins Gehirn der Öffentlichkeit, dass Gottfried von Einem auf Dauer...
«Perché il mio canto s’attrista – Warum wird mein Gesang traurig, ich habe ich nie gehört, wie ist er in mich geraten?», singt der Chor im Zentrum von Salvatore Sciarrinos jüngster Oper – da ist das grausame Schuld- und Sühne-Spektakel schon im vollen Gange. «Ich beweine dieses Haus, dem der Untergang droht», klagt am Beginn der Wachposten auf einem in schwarzer...
