Verklebte Seelen
«Perché il mio canto s’attrista – Warum wird mein Gesang traurig, ich habe ich nie gehört, wie ist er in mich geraten?», singt der Chor im Zentrum von Salvatore Sciarrinos jüngster Oper – da ist das grausame Schuld- und Sühne-Spektakel schon im vollen Gange. «Ich beweine dieses Haus, dem der Untergang droht», klagt am Beginn der Wachposten auf einem in schwarzer Plastikfolie verhüllten Haus, diesem Ort der namenlosen Gewalt und des Mordens innerhalb der eigenen Familie.
Ein weiteres Mal also geht es auf der Opernbühne um den Untergang des Hauses des Tantaliden (oder Atriden) – nach Strauss, Milhaud, Křenek, Xenakis. In seinen «Szenen nach Aischylos», zu denen Sciarrino selbst den ersten Teil der Orestie skelettiert hat, fokussiert der Komponist die Handlung auf die Rückkehr des griechischen Feldherrn Agamemnon aus dem Trojanischen Krieg zu seiner Frau Klytemnästra. Agamemnon ist nicht allein, als Kriegsbeute und Sklavin hat er die Seherin Kassandra im Gepäck – für ihn ist das kein Problem, aber seine Gattin empfindet Kassandras Gegenwart als Provokation. Überhaupt hat sie Agamemnon nicht verziehen, dass er die gemeinsame Tochter Iphigenie opferte, nur um ungehindert aufs ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Michael Struck-Schloen
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Diese Aufführung ist ein Angriff auf alle Sinne. Wer Bertolt Brechts Lehrstück aus dem Jahr 1939 für politisch überholt und seine Vertonung durch Paul Dessau aus dem Jahr 1951 für musikalisch blass hielt, wird durch die Stuttgarter Inszenierung eines Besseren belehrt. Aktuell ist «Die Verurteilung des Lukullus», die bei ihrer Uraufführung an der Ost-Berliner...
Die Mitteilung lässt es an Deutlichkeit nicht mangeln. «Soffro». Ich leide, so sagt es unumwunden das literarische Alter Ego von Ada Negri in ihrem Gedicht «Nebbie», das vielleicht in Vergessenheit geraten wäre, hätte nicht Ottorino Respighi eine Musik dazu geschrieben, die uns noch heute unter die Haut geht. Zumal dann, wenn sich ein so begnadeter Textausdeuter...
