Verklebte Seelen
«Perché il mio canto s’attrista – Warum wird mein Gesang traurig, ich habe ich nie gehört, wie ist er in mich geraten?», singt der Chor im Zentrum von Salvatore Sciarrinos jüngster Oper – da ist das grausame Schuld- und Sühne-Spektakel schon im vollen Gange. «Ich beweine dieses Haus, dem der Untergang droht», klagt am Beginn der Wachposten auf einem in schwarzer Plastikfolie verhüllten Haus, diesem Ort der namenlosen Gewalt und des Mordens innerhalb der eigenen Familie.
Ein weiteres Mal also geht es auf der Opernbühne um den Untergang des Hauses des Tantaliden (oder Atriden) – nach Strauss, Milhaud, Křenek, Xenakis. In seinen «Szenen nach Aischylos», zu denen Sciarrino selbst den ersten Teil der Orestie skelettiert hat, fokussiert der Komponist die Handlung auf die Rückkehr des griechischen Feldherrn Agamemnon aus dem Trojanischen Krieg zu seiner Frau Klytemnästra. Agamemnon ist nicht allein, als Kriegsbeute und Sklavin hat er die Seherin Kassandra im Gepäck – für ihn ist das kein Problem, aber seine Gattin empfindet Kassandras Gegenwart als Provokation. Überhaupt hat sie Agamemnon nicht verziehen, dass er die gemeinsame Tochter Iphigenie opferte, nur um ungehindert aufs ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Michael Struck-Schloen
Den meisten deutschen Musikliebhabern dürfte der Name Spyridon Samaras nichts sagen. Dabei war der 1861 auf Corfu geborene Komponist und spätere Schöpfer der griechischen Nationalhymne zu seiner Zeit auch jenseits der Heimat ein berühmter Mann. In Athen und später in Paris (u. a. bei Léo Delibes) ausgebildet, begann Samaras seine Karriere in Italien, wo er sich mit...
Mit «Milde» lässt sich das Wort übersetzen, auch mit «Gnade» oder «Nachsicht». Die Augsburger sind, Italienisch-Kundige müssen stark sein, da etwas frei. «La clemenza di Tito» wird hier als «Laune» des römischen Imperators ausgelegt. Der ist auf der Bühne des Martini-Parks nicht immer Respektsperson, vielmehr ein großes Kind, ein aufbrausender, überforderter...
Dafür, dass der Titel des neuen Stücks – «Die Mühle von Saint Pain» (englische Aussprache) – eher Leid und Schmerzen argwöhnen lässt, fängt es gar nicht so düster an im Theater Basel. Der Zuschauerraum bleibt erleuchtet. Und die fünf Figuren, die der Reihe nach erscheinen, führen derart sarkastisch-bissige Dialoge miteinander, dass man meinen könnte, eine Autorin...
