Gott, wo bist Du?
Die Geschichte ist alt, biblisch alt. Geschrieben steht sie im Ersten Buch Mose, Kapitel vier, und erzählt von jenem Mord, der als Menetekel, als Parabel, ja, als Urbild menschlicher Katastrophen taugt. Ein Bruder erschlägt seinen Bruder und wird von Gott dafür gezeichnet.
Die Frage ist nur: Hat er etwas daraus gelernt? Begreift Kain, dass jenes Stigma, dass der HERR ihm auf die Stirn gebrannt hat, auch ein Zeichen für Sühne sein könnte, für Erkenntnis, sogar für die Hoffnung, dass dergleichen nie wieder geschehen möge? Man hat, blickt man auf diese Welt und ihre (auch gegenwärtigen) Verwerfungen, so seine Zweifel.
Auch George Antheil, den viele nur als den Komponisten des «Ballet mécanique» kennen, hatte sie. Und so griff er wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als er nach einem geeigneten Sujet für eine neue Oper suchte (den Vorgängerwerken «Helen Retires» und «Transatlantic» war nur mäßiger Erfolg beschieden), zu dem alttestamentarischen Stoff und transformierte ihn in die Gegenwart. 1954 gelangte «The Bro -thers» mit Antheils Libretto im University of Denver Theatre auf die Bühne, geriet jedoch, wie das Meiste aus seiner Feder, bald in Vergessenheit.
Zu Unrecht, wie ...
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Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
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