Gott lebt
Wenn eine Welt, in der Adolf Hitler geradewegs mit Gott identisch ist, auf der Opernbühne reflektiert wird, dann muss sich «Wotan» gar unheilig imperfekt und respektlos auf «Truthahn» reimen. Dann erheben sich rechte Arme nicht nur einfach so immer wieder zum deutschen Gruß stramm himmelwärts.
Derlei Gesten aus dunkeldeutscher Zeit werden vom Orchester allzu gern mit dem Allerheiligsten der deutschen Tonkunst garniert, Goethes «Über allen Gipfeln ist Ruh», von Schubert zum ewig schönen Kunstlied veredelt, hier nun von Johannes Harneit listig-lustig durch den Kakao der Verfremdung gezogen und dabei dennoch nicht plump desavouiert.
War der deutsche Diktator bislang mit wenigen Ausnahmen (wie Alexander Raskatovs Heiner Müller-Anverwandlung «Germania» in Lyon) ein Unding in Operndingen, wird er nun auf der Probebühne der Hamburgischen Staatsoper nach allen Regeln der Kunst bühnentauglich gemacht. Ironie, Brechung, Distanzierung heißen die zwingenden Theatermittel, damit ein solches Unterfangen nicht schon im Ansatz scheitert, indem es unversehens zur emotionalen Identifizierung mit dem Scheusal einlädt. Dazu bedarf es eines Textes, der Ebenen und Epochen so geschickt genialisch und ...
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Opernwelt Januar 2020
Rubrik: Magazin, Seite 66
von Peter Krause
Dass in dem Wort Qualle die Qual enthalten ist, wäre eine kalauernde Erklärung, warum während des Finales im dritten «Figaro-Akt eine gewaltige Medusa mit Tentakeln sich wie ein fahler Mond am Horizont erhebt. Klar, eine Metapher, trotzdem unschön anzusehen, wie die seelische Qual, die sich hier das Hauptpersonal gegenseitig bereitet. Für Programmheftleser...
Lieber Herr Marton, ist das gute, alte Stadttheater, wie es in Deutschland existiert, generell ein Ort für Sie?
Es ist eher die Frage, ob es ein Ort für Musiktheater ist. In Deutschland existiert immerhin dieser Begriff «Musiktheater», der auch experimentelle Formen jenseits der Oper oder des Musicals bezeichnet. Aber institutionell existiert diese Genre – anders...
Zwei Jahrhunderte schlummerte die Partitur in einem Zürcher Archiv. Erst Anfang der 1990er-Jahre wurde das von Philipp Christoph Kayser (1755-1823) auf ein Goethe-Libretto komponierte Singspiel «Scherz, List und Rache» im Liebhabertheater von Schloss Kochberg in Thüringen erstmals aufgeführt ‒ allerdings radikal gekürzt und in reduzierter Besetzung. Und man fragt...
