Naive Einfalt, frische Blöße
Die Götter sind unter uns. Wie der Actionheld eines Blockbusters wirft Herkules die Gestalten der Unterwelt von ihren langen Stelzenarmen und -beinen, auf denen sie in der Bayerischen Staatsoper in spindeldürrer Schwärze einherschreiten. Erst danach führt Apoll im strahlend weißen Kaftan das Paar wieder zusammen, das er zuvor bis über die Grenze des menschlich Erträglichen zerrissen hatte in der nur einem von beiden gewährten Möglichkeit, für den jeweils anderen zu sterben. Wo die Götter unter den Menschen sind, da stiften sie Unheil, Harmonie allenfalls erst (zu) spät.
Das ist die Essenz des Tragischen, das als Anfrage an die Oper periodisch in immer neuen Schüben herangetragen wird, seit sie aus Erneuerungsbemühungen um die griechische Tragödie entstanden ist. Es bewegte nicht zuletzt Christoph Willibald Gluck, dessen «Alceste» nach einer Vorlage des Euripides im wuchtigen, hehren Klassizismus der Epoche fast «antiker» wirken will als die zugrunde liegende antike Tragödie selbst – was zumal für die dramaturgisch noch schnörkellosere Pariser Fassung von 1776 gilt, die nun in München zu sehen ist.
Wahrscheinlich liegt es am Außenseiterstatus Sidi Larbi Cherkaouis gegenüber dem ...
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Opernwelt Juli 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Michael Stallknecht
Unter dem Datum 1. Mai 1844 berichtet Heinrich Heine in seinem Paris-Buch «Lutetia» von einer schönen Begebenheit: «Einen ungeheuren Beifall findet Scribes neue Oper ‹Die Sirene›, wozu Auber die Musik geschrieben.» Damals ein Repertoire-Renner, ist das Stück heute nicht einmal mehr dem Titel nach bekannt. Völlig zu Unrecht, wie man jetzt dank der Initiative des...
Sie war überfällig, diese russische Erstaufführung. Schon wegen des Stoffs, den Peter Eötvös für seine erste große, 1998 in Lyon aus der Taufe gehobene Oper wählte: Tschechows Drama «Drei Schwestern». Und weil die bleierne Atmosphäre, die den Figuren in dem bald 120 Jahre alten Stück die Luft abschnürt, auch heute, unter veränderten Vorzeichen, auf dem Land...
«Werktreue» haben Susanne Herrnhausen und Gerhard Brunner ihre Zürcher Agentur getauft, die erste und bislang einzige, die sich auf Vermittlung von Opernregisseuren spezialisiert. Ein altmodischer Name, der schon einiges aushalten musste! Er fällt uns unweigerlich wieder ein, oder vielmehr, auf die Füße, jedes Mal, wenn wir ein Opernhaus betreten, in dem einer der...
