Gläserne Seelen
Mélisande hat eine Seele, die wir nicht verstehen: Kristallin ist sie und fiebrig vor Angst, durchscheinend und doch unergründlich. An diesem Premierenabend in der Bergen Nasjonale Opera verkörpert das nicht nur die fabelhafte Sofia Nesje Enger in der Titelrolle, der Dirigent Dinis Sousa und der Regisseur Alan Lucien Øyen denken in schönem und selten so eindrucksvoll zu erlebendem Einklang das größere Ganze mit.
Nicht das Verschmelzen oder gar Verwaschen der Reize lässt den musikalischen Impressionismus lebendig erscheinen, sondern die Clarté der ungemischten Klangfarben.
Sousa lässt im akustisch gefährlich offenen Orchestergraben der Edvard Grieg Hallen das gut aufgelegte Bergen Philharmonic Orchestra in brunnenklar unterscheidbaren Registern erklingen. Fast vibratolos lässt er die Soli des Konzertmeisters, die Streicherlinien, die Holzbläser spielen – und bleibt dabei selbst im dreifachen Pianissimo nie im Ungefähren. Für dieses orchestrale Klanggemälde die perfekte Sängerbesetzung gefunden zu haben, ist das Verdienst von Opernchef Eivind Gullberg Jensen: Alle bringen einen fast monochromen Grundklang mit, Julien Behr als Pelléas mit verhaltenem, aber sanft leuchtendem Tenor, ...
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Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Stephan Knies
Seit Jahren werfen die Traditionslabels Mega-Boxen auf den Markt. Sie verbindet, dass sie oft das aufgedruckte Versprechen der «Vollständigkeit» nicht halten, wie im Fall der jetzt von Warner Classics veröffentlichten Edition «Complete Remastered Studio Recordings», die dem italienischen Dirigenten Carlo Maria Giulini (1914–2005) und seinen vor allem für Columbia...
Ich lehne Partien ab, die viel Schreien verlangen.» Ein Credo. Renato Bruson sang sie dann trotzdem, aber eben auf seine Art. Er hat all die Schurken, Sonderlinge und zwielichtigen Kerle zu sich herangeholt und ihnen andere, manchmal neue Facetten eröffnet. Auf dem Zenit seiner Karriere bildete der Italiener den Gegenentwurf zum sieben Jahre älteren Landsmann Piero...
Es war kein Ort zum Träumen, eher einer der gefesselten Phantasie: Stickig und klaustrophobisch dürfte es im Haremsbereich der osmanischen Paläste hergegangen sein. Selbst in jenem des Topkapı Sarayı zu Istanbul, obwohl er, vermeintlich großzügig, über 400 Zimmer umfasste. Zwar suggerieren hohe Decken und die elegant mit bunten Kacheln verzierten Wände, dass des...
