Gestern im Heute
Bücher. Überall Bücher. Im ersten Akt stehen sie ziemlich ungeordnet in großen Regalen, der Raum mit seinen riesigen Säulen lässt an Herrschaftsarchitektur des 20. Jahrhunderts denken. Tatjanas Domizil, das Landgut ihrer Mutter, wirkt wie eine geheimnisvolle Bibliothek. Der zweite Akt spielt in einem Szeneclub. Auch hier der zeichenhafte Verweis auf das gedruckte Wort: entsorgte Bände, beiläufig zur Deko geschichtet, obenauf eine Frau: Tatjana auf dem Bücherhaufen.
Im Palais des Fürsten Gremin schließlich mutieren sie zur alles erdrückenden, zwanghaft geordneten Kulisse (Bühne und Kostüme: Jamie Vartan). Als Onegin verzweifelt versucht, die einst Abgewiesene für sich zu gewinnen, zieht er in Rage ein paar Exemplare aus dem Regal – es sind bloß Holz-Attrappen. Um mit Wagners Nornen zu sprechen: Der Welt melden Weise nichts mehr. Auch die einstige Nonkonformistin Tatjana hat sich arrangiert mit den Verhältnissen.
Was Regisseur Frederic Wake-Walker, Gründer und Künstlerischer Leiter der englischen Mahogany Opera Group, mit Tschaikowskys «Lyrischen Szenen» nach Puschkin anstellt, ist originell. Sein «Onegin» spielt in einer Gegenwart, durch die sich die zentralen Akteure wie lebende ...
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Wir befinden uns im Jahr 2018 nach Christus. Fast alle erfolgreichen Opern des 20. Jahrhunderts wurden ausgegraben und aufgeführt, selbst die mittelmäßig erfolgreichen. Ein unbeugsames Werk aber schlummerte bis dato unberührt in den Archiven. Doch nun, nach einer konzertanten Aufführung kürzlich in Berlin, hat die Oper Bonn Hermann Wolfgang von Waltershausens...
Gefühlt hätte der Stoff für zwei, drei Opern gereicht. Doch Rodolphes Vernarrtheit in Agnès, die seinen Bruder heiraten muss, das Auffliegen dieser Liebe, Rodolphes Verbannung – all das geschieht im ersten Akt von Gounods «Nonne sanglante». Da gespenstert die blutige Gottesbraut noch gar nicht durch die Gänge. Agnès soll als besagte Nonne verkleidet fliehen....
Als «Das Schloss Dürande», die letzte Oper Othmar Schoecks, im Frühjahr 1943 in der Berliner Staatsoper aus der Taufe gehoben wurde, kam es zu Aufwallungen. Dass er sich für seine Uraufführung, tatkräftig unterstützt durch den Winterthurer Mäzen Werner Reinhart, mitten im Krieg mit dem ersten Opernhaus im nationalsozialistischen Deutschland zusammengetan und, mehr...
