Geschwärzte Herzen

Verdi: Otello Antwerpen / Opera Vlaanderen

Opernwelt - Logo

Mit ungeheurer Brutalität steigt Verdi in seinen «Otello» ein, mit Lärm statt Wohllaut: Donner, Blitz, sturmgepeitschtes Meer. Otellos Segelschiff steht kurz vor dem Kentern, die Leute im zyprischen Hafen sind panisch oder zynisch, wie Jago, der von Anbeginn die Fäden für den Untergang des venezianischen Generals und seiner Frau Desdemona spinnt.

Von äußerem Aufruhr ist auf der Antwerpener Bühne allerdings nichts zu sehen. Keine Wellen, kein Schiff, keine Stadt. Alles ist schwarz. Aus schweren Quadern scheint der Raum gebaut.

Spärlich ist die Szenerie beleuchtet, kein Mobiliar nirgends, bis zum Schluss bleibt alles im Halbdunkel. Die Figuren huschen durch schmale, fast unsichtbare Schlitze herein, finden aber nur schwer wieder hinaus. Die von Henrik Ahr mit architektonischer Wucht entworfene Bühne ist eine Kammer des Schreckens, eine klaustrophobische Welt aus Misstrauen, Eifersucht und Intrige.

In ihrem Wahn eingeschlossen sind sie alle, Otello, Jago, Cassio, nur Desdemona sieht mehr, vermag den Irrsinn aber nicht aufzulösen. Ihr orphisch-schöner Gesang kann die geschwärzten Herzen nicht erweichen. Obwohl man es der amerikanischen Sopranistin Corinne Winters durchaus zugetraut ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2016
Rubrik: Panorama, Seite 33
von Christoph Schmitz

Weitere Beiträge
Undurchdringlich

Zangezi» ist so etwas wie das Opus summum des russischen Futuristen Velimir Chlebnikov (1885-1922). Ein als Drama konzipierter, im Grunde aber epischer Text, in dem er die fundamentalen Themen seines Schreibens zur Synthese zu führen sucht: Der Prophet «Zangezi» ist ein Alter Ego des Autors, die ihm in den Mund gelegten Spekulationen – etwa über die nach...

Wie geklont

Vom Überdruss singt Emilia Marty alias Elina Makropulos im letzten Akt. Das Leben lässt sie kalt, alle Höhen, alle Tiefen hat sie schon erlebt, alles schon gesehen. Das Gerangel um das Prus-Erbe? Nichts Neues, der Konflikt schwelt seit Generationen. Deshalb ist das Zimmer auf der Bühne der Deutschen Oper Berlin auch zweigeteilt: Die eine Seite weist ins 20., die...

MACHOGLÄUBIG: Jonas Kaufmann und Anja Harteros in der Münchner «Forza»

Hildegard Knef sang einst das Lied von einem, der nie ein Kavalier bei den Damen war, doch dafür ein Mann, und Polly Peachum gibt im Barbara-Song der «Dreigroschenoper» ähnlich Machogläubiges von sich. Häufig scheinen Mädchen aus gutem Hause sich Außenseitern an den Hals zu werfen, weil diese vermeintlich die interessanteren Männer sind. Ob man damit freilich...