Geliehene Kantilene

In Finnland werden Komponisten nach einem vielfältig ausgebauten System gefördert. Ästhetische Innovation hat sich mit neuen Opern jedoch nur selten verbunden. Umso wichtiger, was in diesem Festspielsommer passiert. In Savonlinna reanimiert man zum 100-jährigen Jubiläum zwar eine Reihe uralter Erfolgsproduktionen, setzt aber auch zwei Uraufführungen an. Eine davon ist die erste Oper überhaupt, die von einer Online Community verfasst wurde. An der Westküste des Landes, in Kokkola, stemmen die Sopranistin Anu Komsi und der Dirigent Sakari Oramo fast im Alleingang ein Opernfestival, das sich der Moderne mit Leidenschaft widmet. Die diesjährige Uraufführung war Finnlands politischer Vergangenheit gewidmet – und ging doch darüber hinaus.

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Der Polizeichef von Venedig singt mit hoher Sopranstimme. Vor TV-Kameras und Rundfunkmikros gibt er sich absolut sicher: Die Brandstifter werden gefasst. Seine Musik kommt uns irgendwie bekannt vor. Genauer: seine elegant durch Oktaven tänzelnde Melodie. Die Harmonien freilich reiben mehr im Ohr als gewohnt, und auch mit dem Rhythmus stimmt etwas nicht. In Ligetis «Le Grand Macabre» ist der Polizeichef ebenfalls ein hoher Sopran. Doch diese Melodie hier hat mit Ligeti definitiv nichts zu tun. Sie ist Futter für Kolorateusen, die sich auf Belcanto verstehen.

Woher sie stammt, wird uns am nächsten Tag der Komponist verraten. Vorerst steht fest: Der Polizeichef, der da in Gestalt der virtuosen Sirkka Lampimäki erklärt, man habe alles im Griff, liefert eine Show für die Medien. Er muss das tun. Denn kurz zuvor ist La Fenice in Flammen aufgegangen, das Kleinod der Stadt, Schmuckkästchen und Symbol ihrer musikalischen Tradition. Wenige Szenen später wird zumindest einer der Täter gefasst. Im Gefängnis hat er eine herrliche Lamento-Arie, und auch diese Musik kommt uns bekannt vor. Sie ist weniger verfremdet, und deshalb funktioniert das Klanggedächtnis besser: Ja, das muss die ...

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Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Stephan Mösch

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