Geliehene Kantilene
Der Polizeichef von Venedig singt mit hoher Sopranstimme. Vor TV-Kameras und Rundfunkmikros gibt er sich absolut sicher: Die Brandstifter werden gefasst. Seine Musik kommt uns irgendwie bekannt vor. Genauer: seine elegant durch Oktaven tänzelnde Melodie. Die Harmonien freilich reiben mehr im Ohr als gewohnt, und auch mit dem Rhythmus stimmt etwas nicht. In Ligetis «Le Grand Macabre» ist der Polizeichef ebenfalls ein hoher Sopran. Doch diese Melodie hier hat mit Ligeti definitiv nichts zu tun. Sie ist Futter für Kolorateusen, die sich auf Belcanto verstehen.
Woher sie stammt, wird uns am nächsten Tag der Komponist verraten. Vorerst steht fest: Der Polizeichef, der da in Gestalt der virtuosen Sirkka Lampimäki erklärt, man habe alles im Griff, liefert eine Show für die Medien. Er muss das tun. Denn kurz zuvor ist La Fenice in Flammen aufgegangen, das Kleinod der Stadt, Schmuckkästchen und Symbol ihrer musikalischen Tradition. Wenige Szenen später wird zumindest einer der Täter gefasst. Im Gefängnis hat er eine herrliche Lamento-Arie, und auch diese Musik kommt uns bekannt vor. Sie ist weniger verfremdet, und deshalb funktioniert das Klanggedächtnis besser: Ja, das muss die ...
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Opernwelt September/Oktober 2012
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Stephan Mösch
Nichts weniger als den Übergang vom Spätbarock zur Frühklassik markiert dem italo-amerikanischen Musikwissenschaftler Elvidio Surian zufolge die Uraufführung von Johann Adolf Hasses Oper «Artaserse» 1730 in Venedigs Teatro San Giovanni Grisostomo: ein Meilenstein nicht nur in der Entwicklungsgeschichte der Oper als Genre, sondern auch Anfangspunkt der beispiellosen...
Hin und wieder scheinen Stücke an ihrem Anspruch ebenso zu scheitern wie an den in sie gesetzten Erwartungen. Ein Musterbeispiel hierfür ist Franz Lehárs Operette «Zigeunerliebe» (1910). Musikalisch erfüllt das Stück über weite Strecken die Anforderungen einer Oper, auch das Libretto sucht Operetten-Klischees zu meiden – ohne, den Usancen der Operettenkunst der...
Über den Inhalt des Buches, das die Dame mit der aufgetürmten Allongeperücke dem nackten jungen Mann zu lesen gibt, darf spekuliert werden. Noch kehrt der Jüngling ihr den Rücken zu, doch lässt das nächste Bild mit dem verrutschten Mieder der Dame allerlei vermuten. Bevor nun die Fantasie mit uns durchgeht, sei vermerkt, dass es sich um im Stile des barocken...
