Geliehene Archaik
Der Tenor ist nicht zu beneiden. Gleich nach dem kompakten Preludio, einer kurzen Scena und ein paar fanfarengestärkten Rezitativtakten muss er mit seiner berühmten Romanze für die nahe, ferne Geliebte ran: «Celeste Aida». Bis zum hohen B führt sie hinauf, von Flöte und Fagott gelockt, über Herzstich-Pizzicati der Streicher. Alles ist hier verzweifeltes Hoffen, innerer Aufruhr, sehrender Affekt.
Jeder Ton muss sitzen, con espressione, um die Fliehkräfte zu vermitteln, die den ägyptischen Feldherrn Radamès und die zur Sklavin degradierte äthiopische Königstochter schließlich in den Liebestod treiben. Quasi aus dem Stand geht es ums Ganze. Wer diese Auftrittsarie versemmelt, zieht mit schwerer Hypothek in eine Schlacht, die Verdi zwar mit viel Paukendonner, Trompetenschall und großen Chören ausgestattet, im Kern aber eher als intimes Melodrama einer liaison impossible angelegt hat. Vor gut zehn Jahren gab Roberto Alagna bei laufender Vorstellung an der Scala sogar auf, nachdem der loggione seinen suboptimalen Vortrag niedergebuht hatte – ein Trauma, das ihn bis heute verfolgt.
Ein solches Schicksal blieb Andrea Carè, dem Radamès der neuen Brüsseler «Aida», zum Glück erspart. Das ...
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Opernwelt Juli 2017
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Albrecht Thiemann
Opern hat er kaum dirigiert. «Zauberflöte», «Entführung», «Fidelio», «Euryanthe», «Eugen Onegin», «Pelléas et Mélisande» – das war’s. Dennoch ist Herbert Blomstedt zutiefst geprägt von der vokalen Tradition. Sein Studium der Chorleitung und der Besuch einer Kantorenklasse bewirkten in Verbindung mit Schwedens Chortradition, dass ihm in jungen Jahren der Gesang als...
Theater abseits der Zentren haben nicht gerade leichtes Spiel im Wettbewerb um überregionale Aufmerksamkeit. Nicht nur das schmale Budget erlaubt keine großen Sprünge. Ein oft ländlich geprägter Einzugsbereich fordert eher Grundversorgerqualitäten als konzeptionellen Wagemut.
In einem solchen Winkel – zwischen Wiesbaden, Mainz und Bonn – liegt auch das Koblenzer...
Das leibhaftige Leben ist ja manchmal sowas von verismo (um nicht zu sagen abgeschmackt), dass es noch den ausgebufftesten Poeten rechts überholt. Zum Beispiel im Fall von Anna Sutter, der Starsopranistin am Stuttgarter Hoftheater, einer bejubelten Carmen und bewunderten Salome: erschossen vom eifersüchtigen – weil ehemaligen – Liebhaber, einem Hofkapellmeister....
