Gegenzauber
Zum Beispiel der kurze Blick in den Spiegel, ganz links hängt der. «Einen Unseligen labtest du», singt Siegmund und betrachtet sich betrübt, aber ohne jedes Selbstmitleid. Oder zuvor das zweimalige Reichen des Wasserglases, bevor Sieglinde noch eine Flasche Met bringt, vom Bruder anerkennend gewürdigt (die drei Gesten stehen exakt so in der Partitur). Oder der utopische Moment, wenn der Held seinen «Winterstürme»-Schlager beginnt, die Schwester in den Arm nimmt und beide sich im sachten Tanz wiegen – sogar «Ring»-Veteranen im Publikum müssen da schlucken.
Oder die Sekunden vor Hundings Tod, wenn dieser plötzlich ahnt, in welch Intrige höherer Mächte er da geraten ist. Ewig könnte man diese Aufzählung fortsetzen. Eine Unmenge von Details sind das, die sich hier, im Passionsspielhaus Erl, zum stimmigen Ganzen runden. Und beweisen: «Die Walküre» funktioniert wunderbar als reines Menschentheater, ohne Konzeptgewese, ohne Weltentwürfe, die ja gern Dramaturgen-Notwehr sind, weil für die Feinzeichnung das Handwerk fehlt. Ohnehin hat sich Brigitte Fassbaender mit all diesem Thesenballast nie unnötig beschwert. Ob Rossini, Strauss, Verdi oder jetzt Wagner: Stets inszeniert sie von innen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Markus Thiel, Michael Stallknecht
Der Premierentitel und das ganze Drumherum dieses vierstündigen Spektakels passten zu den Ambitionen der neuen Intendanz in Kassel und ebenfalls zur heißdisktutierten documenta – mit einem kleinen Unterschied: Das politische Porzellan blieb diesmal heil. Mit «Temple of Appropriated Histories», einer interdisziplinären Bühneninszenierung des Projekts «Temple of...
Die Würdigung kam spät. Und vermutlich überraschte sie denjenigen, dem sie galt, am allermeisten. Nie je hatte der Komponist Hans-Joachim Hespos viel Aufhebens um seine Arbeit gemacht, das lag einfach nicht in seinem Naturell. Dazu muss man wissen, dass er aus dem ostfriesischen Städtchen Emden stammt, wo er am 13. März 1938 geboren wurde, aus einer Gegend also, wo...
Sind Sie bei Konflikten immer direkt emotional involviert? Oder haben Sie die Fähigkeit, so schnell wie möglich Abstand zu nehmen, um sich an nüchterner Reflexion zu versuchen? Auf die Bayreuther Festspiele 2022 bezogen: Hätten Sie sich in den traditionell jeweils einstündigen Pausen der neuen «Ring»-Produktion still meditierend im angrenzenden Grünen zur inneren...
