Gegenzauber

Die Tiroler Festspiele Erl verknüpfen eine szenisch wunderbare «Walküre» mit Ernest Chaussons Drame-lyrique «Le roi Arthus»

Zum Beispiel der kurze Blick in den Spiegel, ganz links hängt der. «Einen Unseligen labtest du», singt Siegmund und betrachtet sich betrübt, aber ohne jedes Selbstmitleid. Oder zuvor das zweimalige Reichen des Wasserglases, bevor Sieglinde noch eine Flasche Met bringt, vom Bruder anerkennend gewürdigt (die drei Gesten stehen exakt so in der Partitur). Oder der utopische Moment, wenn der Held seinen «Winterstürme»-Schlager beginnt, die Schwester in den Arm nimmt und beide sich im sachten Tanz wiegen – sogar «Ring»-Veteranen im Publikum müssen da schlucken.

Oder die Sekunden vor Hundings Tod, wenn dieser plötzlich ahnt, in welch Intrige höherer Mächte er da geraten ist. Ewig könnte man diese Aufzählung fortsetzen. Eine Unmenge von Details sind das, die sich hier, im Passionsspielhaus Erl, zum stimmigen Ganzen runden. Und beweisen: «Die Walküre» funktioniert wunderbar als reines Menschentheater, ohne Konzeptgewese, ohne Weltentwürfe, die ja gern Dramaturgen-Notwehr sind, weil für die Feinzeichnung das Handwerk fehlt. Ohnehin hat sich Brigitte Fassbaender mit all diesem Thesenballast nie unnötig beschwert. Ob Rossini, Strauss, Verdi oder jetzt Wagner: Stets inszeniert sie von innen ...

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Opernwelt September/Oktober 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Markus Thiel, Michael Stallknecht

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