Gefährliche Liebschaften
Dass Benjamin Britten und zahlreiche andere Komponisten des 20. Jahrhunderts um die Schönberg’sche Dodekaphonie und deren Folgen einen Bogen schlugen, war nicht nur das Resultat eines ästhetisch begründeten Unbehagens. Die Reserve gegenüber den Konstruktionen der Zwölfton-Avantgarde hatte auch handfeste rezeptionspolitische Gründe: Man wollte, statt bloß im Kreise eingeweihter Spezialisten zu glänzen, lieber das breite Publikum erreichen.
Zum Typus des pragmatischen Tonsetzers, der sich weniger als Missionar einer bestimmten stilistischen Wahrheit denn als Dienstleister für den Konzert- und Theaterbetrieb versteht, zählt zweifellos auch der 1963 geborene Wahlberliner Christian Jost. Bislang tat sich Jost vor allem mit Kammermusik, Solokonzerten und Symphonien hervor. Nun legte er seine erste abendfüllende Arbeit für die Bühne vor – im Auftrag der Deutschen Oper am Rhein und unterstützt vom Kultursekretariat des Landes Nordrhein Westfalen.
«Vipern. Eine mörderische Begierde in vier Akten» haben der Komponist und sein Librettist Tim Coleman das knapp zweistündige Opus genannt – eine schwül-groteske Kriminalgeschichte, die auf ein Drama der beiden Shakespeare-Zeitgenossen Thomas ...
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Herr Eichinger, Sie haben einmal gesagt, der Film sei Ihr Leben. Dass Sie sich auch für die Oper interessieren, war uns bisher nicht geläufig. Woher rührt dieses Interesse?
Wer sich professionell mit Film beschäftigt, muss viel von Musik verstehen. Es geht dabei ja nicht nur um den Soundtrack, sondern um ein Gefühl für Rhythmus. Jede erfolgreiche Filmerzählung hat...
Als der chinesische Schauspieler, Sänger, Tänzer und Regisseur Chen Shi-Zheng vor sechs Jahren am New Yorker Lincoln Center die vier Jahrhunderte alte Oper «Der Päonien-Pavillon» auf die Bühne brachte, ein ursprünglich fünfundfünfzig (!) Akte umfassendes Werk des chinesischen Monteverdi-Zeitgenossen Tang Xianzu (1550-1616), kam dies in der westlichen Musikwelt...
Plötzlich durften sich alle anfassen: Vater und Tochter, Bruder und Schwester, Gott und Gattin. Sie waren so verdutzt, dass sie ihre Hände und Hüften kaum richtig nutzen konnten. Denn ihre Körper waren bisher vor allem Klangkörper und deshalb auf ganz andere Dinge geeicht, zumindest solange sie auf einer Bühne ausgestellt und angestrahlt wurden: auf Statik,...
