Gallia abbandonata
Ein kurioser Zufall bescherte dem Opernland Nordrhein-Westfalen und seinen Belcanto-Liebhabern gleich zwei Premieren von Vincenzo Bellinis «Norma», nämlich in Dortmund und in Krefeld, keine 75 Kilometer voneinander entfernt. Der direkte Vergleich drängt sich geradezu auf. Seit Maria Callas in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dieses Meisterwerk triumphal wieder ausgegraben und rehabilitiert hat, umgibt es ein besonderer Nimbus.
Was vor allem an der halsbrecherisch heiklen Titelpartie liegt, von der bereits Lilli Lehmann behauptete, sie sei schwieriger zu bewältigen als drei Brünnhilden. Außerdem gilt Bellini unter Regisseuren generell als sperrig, schwer zu inszenieren.
In Krefeld verlegt Thomas Wünsch die Handlung in die Filmwelt des italienischen Neorealismus. Der Regisseur ist davon ausgegangen, dass Bellini selbst die Handlung nur deshalb in der fernen Vergangenheit des ersten Jahrhunderts vor Christus in Gallien ansiedelte, um der Zensur zu entgehen und in dieser Verschlüsselung die damals aktuelle Situation des vom Risorgimento ergriffenen Italien reflektieren zu können. Auf der Bühne ist eine hohe Mauer mit einem eisernen Tor aufgebaut, dahinter stehen ...
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Opernwelt Februar 2012
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Regine Müller
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