Fremdentladung

Mozart: Die Entführung aus dem Serail Graz / Oper

Opernwelt - Logo

Wer heute im Reich der Toleranz wandelt, dürfte eher Schatten­gestalten begegnen, wogegen im Land der irrationalen Wut gegenüber Anders-Denkenden/Gläubigen heilloses Gedränge zu herrschen scheint.

Wie nähert man sich unter solchen Vorzeichen den Idealen der Aufklärung? Wie zeichnet man Selim, den Pascha, der weise ist wie Lessings Nathan und im Vergeben großherzig? Wie verkauft man einer zunehmend wieder unduldsam und engstirnig scheinenden Menschheit die alte Weisheit, dass Verzeihen die beste Rache ist?

Für eine Aktualisierung von «Die Entführung aus dem Serail» böte sich natürlich Osmin an, dessen Parolen heute überhaupt nicht mehr buffonesk klängen: «Erst geköpft, dann gehangen, dann gespießt auf heiße Stangen...» Doch das ironisch gemeinte Böse dieser Figur aus aktuellem Anlass bitterernst zu nehmen und es zum Mittelpunkt ­einer Inszenierung der «Entführung» zu machen, wäre schrecklich banal. Für ihre Produktion an der Grazer Oper wählte Eva-Maria Höckmayr vielmehr die Form eines Palimpsests und als Ort der Handlung (obwohl die Stadt nicht beim Namen genannt wird) jenes Wien, das Hofmannsthal in seinem «Zweiten Wiener Brief» von 1922 die «porta orientis für Europa» nannte. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Fehlgeburt

Kann der Royal Opera noch Schlimmeres passieren als das Buhgebrüll, das letzten Sommer in Damiano Michielettos «Guillaume Tell» losbrach? Ja. Und zwar Gelächter. Man hatte diesmal die Abonennten vorsichtshalber gleich vor den sexuell expliziten, brutalen Szenen in Katie Mitchells Inszenierung der «Lucia di Lammermoor» gewarnt. Schon zeterten Zyniker, Covent Garden...

Wer wagt, gewinnt

Konventionell und langweilig ist es geworden, das Opernleben in Moskau. Daran können weder die wenigen gelungenen Inszenierungen (Georgij Issaakjans «Schlaues Füchslein» im Kindermusiktheater und «La Bohème» in der Neuen Oper), noch hervorragende vokale Leistungen (Nadja Michael als Katherina Ismailowa im Bolschoi Theater) oder Ausgrabungen (Martinus «Ariane» im...

Serienkiller

Blutüberströmt liegt die Leiche des jungen John im Bett. Als sich die wütende Meute aus dem Dorf dem Haus des ­Fischers Peter Grimes nähert, hat der sein nächstes Opfer längst geschlachtet. Grimes scheint verwirrt, spricht noch mit dem Gehilfen. Montagu Slaters Libretto erzählt die Geschichte ­etwas anders, da lebt der Junge noch. Doch in Tilman Knabes Dortmunder...