Am Abgrund
Auch fünfzig Jahre nach Patrice Chéreaus grunderschütterndem Bayreuther «Ring» vermag Wagners Tetralogie noch zu verstören, zumal, wenn sie so illusionslos nüchtern in einer Ästhetik des Hässlichen daherkommt, wie jetzt in Stephan Kimmigs «Rheingold»-Neuinszenierung. Kimmig entzaubert die Szene, rückt den Figuren gleichsam mit dem psychischen Nacktscanner zu Leibe und misstraut so sichtbar wie radikal dem Sog der rauschhaft aus dem Orchestergraben erklingenden Musik, was das Publikum beim Schlussbeifall mit einem heftigen Buh-Konzert für das Regieteam quittierte.
Dabei hebt Kimmig sich von vielen seiner Kollegen dadurch ab, dass er Wagners Weltentwurf kein intellektuelles Konzept überstülpt, sondern ganz dem Theaterspiel, dem komödiantischen Treiben der Sängerinnen und Sänger vertraut, die sich durchweg als fantasievolle Darstellerinnen und Darsteller erweisen. Brennend aktuell ist die zerrüttete Welt, die er zeigt und in der jeder Schritt zugleich einen Schritt weiter in den Abgrund führt. Zu Recht glaubt der Regisseur nicht an die heile Natur von Wagners musikalischer Es-Dur-Kosmogonie. Bei ihm läuft schon von Anfang an alles schief. Seine Rheintöchter sind durchtriebene ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Uwe Schweikert
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