Fremd zieh' ich wieder aus
Eine «komponierte Interpretation» hat Hans Zender seine 1993 entstandene Version von Schuberts Liedzyklus «Winterreise» genannt. Es ist sein bekanntestes, meistaufgeführtes Werk, mit dem er auch Hörer außerhalb des Avantgarde-Zirkels erreicht. Es war nicht die erste Bearbeitung dieser «schauerlichen Lieder» (wie Schubert sie selbst bezeichnete), und es sollte auch nicht die letzte bleiben. Meist musste die Klavierbegleitung dran glauben und wurde durch andere Instrumente wie Viola, Gitarre, Drehleier oder ein Streichquartett ersetzt.
Von solchen eher marginalen Eingriffen setzt Zender sich durch ein «Weiterdichten» des Originals, eine Überschreibung von Schuberts Klangbild ab, die er als «schöpferische Veränderung» für sich in Anspruch nimmt. Während er den Gesang weitgehend unangetastet lässt und nur gelegentlich verfremdet, übersetzt er Schuberts Klaviersatz – unter starker Weitung, ja Dehnung der Tempi bis zum Innehalten – in den ihm eigenen charakteristischen Stil mit seinem pointillistisch-kalligrafischen Innenleben. Bezeichnend ist bereits die Mischung des aus 24 Spielern bestehenden Ensembles – sechs Streichern stehen acht Holz- und drei Blechbläser gegenüber, deren ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2020
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Uwe Schweikert
Der Skandal war unüberhörbar, damals, vor neun Jahren. Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Glinkas «Ruslan und Ljudmila» am Bolschoi Theater führte im Saal zu tumultartigen Szenen. Fast in jeder Vorstellung gab es lautstarke Zwischenrufe; man warf dem russischen Regisseur vor, das Werk in abscheulicher Weise verunstaltet zu haben. Kurzum: Das Volk im Parkett und...
Ach, die Bahn! Unzuverlässig, verspätet und verspottet, weil «immer nur abgebaut wird». Als Giselher Klebe seine 1980 in Mannheim uraufgeführte Oper «Der Jüngste Tag» schrieb, war die Bahn gefühlt noch superpünktlich. Angesichts der heutigen Schienenmisere wirken die Klagen zu Beginn des Stücks unfreiwillig aktuell und erheiternd. Dabei hat die Geschichte das Zeug...
Herr Fagioli, kann man Verzieren lernen?
Ja, weil es Regeln folgt, die mit der Konstruktion von Harmonie und Melodie zu tun haben. Es macht aber einen Unterschied, wie man sie verwendet.
Wie weit verlassen Sie sich dabei auf historische Quellen?
Etwa zur Hälfte, würde ich sagen. Eine ebenso große Rolle spielt aber meine eigene Interpretation. Ich lese Bücher...
