Fratzen der Frömmigkeit
In seinem berühmt-berüchtigten «Spiegel»-Interview 1967 (in dem er übrigens keineswegs gefordert hatte, die Opernhäuser «in die Luft zu sprengen») spottete Pierre Boulez, statt «Macht des Schicksals» zu dirigieren, würde er lieber spazierengehen, und «Rigoletto» in Zeffirelli-Manier sei schlicht «idiotisch».
Aus der polaren Sicht der rigiden Nachkriegsavantgarde wie des elitären Bildungsbürgertums war dies nicht einmal ein besonderes Sakrileg: Oper, zumal italienische, galt als Kunstgenuss für die etwas weniger Reichen im Geiste, «Rigoletto» gar als dubiose Mixtur aus Leierkasten und abstruser Schauerstory. Die Zeiten haben sich geändert: Die Klischee-Aufspaltung von «schöner» Musik und scheußlicher Vorlage, auch Inszenierung, verfängt immer weniger, die Einsicht in die dramaturgische Einheit von Klang, Gesang, Text und Bühne nimmt zu: Ohne da Pontes oder Schikaneders Libretti wären Mozarts Opern nicht geworden, was sie sind. Das gilt auch für «Rigoletto». Zu Recht war Verdi von Hugos Drama «Le Roi s’amuse» okkupiert, von Piave griffig umformuliert, gewann aus ihm kompositorische Schubkraft. Doch nicht nur das: Ist doch der Gruselplot keineswegs so realitätsfern wie allzugern ...
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Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Gerhard R. Koch
Der Mann, der sich Parsifal nennt, leidet an Realitätsverlust, was beim Patienten einer Nervenheilanstalt nicht überrascht. «Wie dünkt mich doch die Aue heut’ so schön», schwärmt er angesichts des jugendstilaffinen, aber kitschig-banalen Landschaftsbildes in Pastell, das da auf einen aus dem Schnürboden herabgefahrenen Hänger projiziert wird. Und der diensthabende...
Norbert Miller, von 1972 bis 2005 Professor für Deutsche Philologie und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Berlin, hat als offener, souveräner Geist weit über sein Fachgebiet hinaus Leser gefunden. Wer einmal die Regalreihen seiner Bibliothek in seinem Haus am Berliner Schlachtensee entlangstreifen durfte, wundert sich nicht, dass...
Als Serge Dorny, Intendant der Opéra de Lyon, im Herbst 2013 von der damaligen sächsischen Kunstministerin Sabine von Schorlemmer als neuer Chef der Dresdner Semperoper präsentiert wurde, hatte er sich für das traditionsbewusste Haus und die auf ihre ruhmreiche Geschichte mächtig stolze Stadt etwas ganz Besonderes ausgedacht: eine Wieder-Holung szenischer Arbeiten,...
