Flieg, Schwalbe, flieg!
Alle Schwalben fliegen, wenn sie, wie der Volksmund sagt, weiterhin schönes Wetter versprechen, hoch. Diese nicht. «La rondine», so ihr originaler Name, schwirrt irgendwo in den tiefhängenden Wolken umher, ohne je den Weg zur Sonne gefunden zu haben. Die Musikgeschichte hat Giacomo Puccinis Commedia lirica auf eine Stufe mit seinen frühen (Fehl-)Versuchen gestellt, mit «Le Villi» und «Edgar». Ob zu Recht oder nicht, darüber streiten die Gelehrten bis heute, wobei die Mehrzahl sich nicht für bewundernde Anerkennung entscheiden mag.
Allzu wankelmütig in der Gattungsfrage ist die italienische «Schwalbe» – zwischen Oper und Operette scheint es kein Plätzchen für sie zu geben. Eine kräftige Brise «La traviata» weht durch das Stück, eine Andeutung von «Fledermaus»-Flair, ein zarter Duft der «Bohème», sogar an den «Rosenkavalier» wird man erinnert. Ein Kessel Buntes also. In dem auch der Geist von Franz Lehár wohnt. Ihm hatte man zunächst jenes holprige Libretto angeboten, das – nach der Absage des Operetten-Königs – auf Puccinis Schreibtisch landete, geschmückt mit einer geradezu unanständigen finanziellen Offerte: 200.000 österreichische Kronen plus 50 Prozent Tantiemen wollten Siegmund ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 28
von Jürgen Otten
Ein Mann und eine Frau, die an einer Strahlenkrankheit stirbt, von fremden Stimmen besessene Figuren, eine Liebesgeschichte und die Welt nach einer Atomkatastrophe: Mit «INES» zeigen Ondřej Adámek und Katharina Schmitt ein Musiktheaterstück am Ende des Anthropozäns. Der Titel geht dabei auf die INES-Skala zurück, die zur Festlegung von Störfällen in Kernkraftwerken...
Ein Mann begegnet eines Tages jemandem, der genauso aussieht, wie er selbst – seinem Doppelgänger. Von Stund’ an wird der Titularrat Goljadkin im zaristischen Russland zum Objekt einer Bewusstseinsspaltung, die ihn schließlich in den Wahnsinn treibt. Soweit die Geschichte in Fjodor Dostojewskis Roman «Dvojnik» («Der Doppelgänger») von 1846. Eine Dystopie, schon...
Genügt ein prominenter Nachname allein, um eine erfolgreiche Aufführung zu garantieren? Offensichtlich nicht. Weder Chiara Muti, Tochter des großen Riccardo Muti, noch Irina Brook, Nachfahrin des brillanten Theatermachers Peter Brook, vermochten mit ihren Inszenierungen am Teatro alla Scala zu überzeugen.
Chiara Muti stand dabei vor einer enormen Herausforderung:...
