Schein und Sein
Dieser Nachfolger des großen Caesar übt noch, ein einschüchternder Herrscher zu sein. Zumal das hoheitsvolle Heben des Arms – welches Adolf Hitler knapp zwei Jahrtausende später, antike römische Imposanz imitierend, gar stramm zu perfektionieren suchte – will in seiner Wirkung überprüft sein, um im Einsatz vor den jubelnden Massen dann tunlichst nicht lächerlich zu erscheinen.
Also probt dieser Titus Vespasiano – lange vor seinem ersten offiziellen wie mit dem Libretto konform gehenden Auftritt – die Posen so privat, wie das in diesem jegliche Intimität verbietenden Raum ohne Rückzugsorte denn möglich ist. Denn Frauke Löffel hat auf die an Shakespeares kreisrundes Londoner Globe Theatre erinnernde Drehbühne allerhand Tribünen, Balkons und Schlossfassadenreste gestellt, die indes allesamt transparent sind: Wer hier wen belauscht oder heimlich betrachtet, ist für das Publikum im Theater Bremen bestens nachvollziehbar. Die Privatheit von Arien und Duetten ist daher immer nur eine relative, die öffentliche Wirkung auch der individuellen Affekte schwingt stets mit, sie wird von den Figuren mitunter womöglich gar einkalkuliert.
Die Selbstinszenierung der Mächtigen, ihr Kalkül zur ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Peter Krause
Die Bühne ist fast leer. Nur ein Sessel, darin ein Mann in «Arbeitskleidung: Maske, winzige rote Hörner, Trainingsanzug. Der Titelheld. «KathoTV» zeigt unterdessen Bilder eines sterbenden Papstes, der irgendeinem heilbringenden Ritus vorsteht, und unsichtbare Chöre aus himmlischen Phalanxen, Cherubim und Pönitenten singen dem Herrn diverse Loblieder. In der neuen...
Ein bisschen enttäuscht ist man jetzt leider schon, was aber daran liegt, dass man auch im «Siegfried» ein Meisterwerk erwartet hat: Zwei Teile von Wagners «Ring» hat Ewelina Marciniak in den beiden vergangenen Spielzeiten an den Bühnen Bern bereits herausgebracht. Gerade die «Walküre», stärker noch als das «Rheingold», war so fein gearbeitet, das man süchtig...
Kein Bühnenwerk Richard Wagners konfrontiert ein Produktionsteam am Theater wohl mit derart vielen konzeptionellen Vorabüberlegungen wie die romantische Oper «Tannhäuser». Und das hat viel damit zu tun, dass der Komponist selbst es war, der dieses Stück als etwas Unvollendetes betrachtete. Er sei der Welt «noch einen Tannhäuser schuldig», beteuerte er gegenüber...
