Film und Frau
Mit rot verschmiertem Mund, wie ein trauriger Clown, beklagt Cleopatra ihr Schicksal. Eben noch hat Tolomeo die gefangene Schwester sadistisch erniedrigt, an der Leine geführt wie einen Hund (man erinnert sich an Pasolinis berüchtigten Schwanengesang «Salò»). Doch dann singt Louise Alder das «Piangerò la sorte mia» unglaublich berührend, mit engelsgleichem Ton. Es ist eine Kernszene von Keith Warners Inszenierung des Händel‘schen «Giulio Cesare in Egitto» am Theater an der Wien: Posse und Tragik, Poesie und Grand Guignol zusammengepfercht auf engstem Raum.
Einige Betrachter nannten Warners Intentionen «dem Stück aufgedrängt». Dabei hatte Karl Kraus schon 1905, in seinen Notizen zu Wedekinds «Büchse der Pandora», geschrieben, der Vorwurf, dass man in eine Dichtung etwas «hineingelegt» hätte, wäre ihr stärkstes Lob. Denn nur in Dramen, deren Boden knapp unter ihrem Deckel läge, ließe sich beim besten Willen nichts hineinlegen. Was man indes alles in Händels Opern an sinnlicher Freude und spielerischer Lust hineinlegen kann, haben herausragende Produktionen in den letzten Jahrzehnten bewiesen. Zumal beim «Giulio Cesare», wo geniale Barockmusik-Dirigenten neue Maßstäbe setzten und ...
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Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Gerhard Persché
Der Blick des Künstlers, obschon retrospektiv, war nachgerade prophetisch. Als sich Bruno Walter nach dem Zweiten Weltkrieg in der Autobiografie «Thema und Variationen» seines Lebens und Wirkens erinnerte, beschrieb er sehr präzise auch die Stimmung des Jahres 1920. «Ich kehrte nach München zurück, wo seit dem Kapp-Putsch vom März 1920, den ein Generalstreik zum...
Grande Dame
Ja, das waren noch Zeiten. Damals, in Bayreuth, als sich die dramatischen Sopranistinnen Birgit Nilsson, Astrid Varnay und Martha Mödl die Rollen in die Hände gaben und man sicher sein konnte, dass die holde Kunst des Wagner-Gesangs auf höchster Höhe zelebriert wurde. Nun sind einige Aufnahmen der vor 110 Jahren in Nürnberg geborenen Künstlerin...
Es dürfte sich wohl kaum um einen Zufall handeln, dass im zweiten Pandemie-Winter Bachs «Weihnachtsoratorium» gleich an drei deutschen Opernhäusern als szenisches Musiktheater auf die Bühne gebracht wird. Man könnte in dieser Häufung einen Hang zu neuer Spiritualität oder Tiefgründigkeit vermuten, nach denen es die Opernseelen dürstet, vielleicht aber auch einen...
