Familienbande

Marc Minkowski und Martin Kusej halten am Londoner Royal Opera House Mozarts «Idomeneo» auf Distanz

Opernwelt - Logo

Unterwegs in Londons «Tube» – nach der Premiere von Mozarts «Idomeneo» an Covent Garden – bleibt unser Blick zufällig an einem kuriosen Plakat hängen, einer Werbung der «London Sperm Bank». Wie Pappkameraden sind die Silhouetten von Männern aufgereiht, jeder mit einem Label: teacher, actor, model, lawyer etc. Samenspender zum Ankreuzen; Nachwuchs-Design ohne Feindberührung.

Wir erlauben uns ein Gedankenspiel: Was, wenn die Mutter des Idamante eine solche Wahl treffen und eine Schießbudenfigur mit dem Titel «König» hätte ankreuzen können, Idomeneo als Spender aber anonym geblieben wäre? Nie hätte der Herrscher auf Kreta gewusst, dass der Junge sein Sohn ist. Das von ihm mit Neptun für die Rettung aus Seenot verabredete Opfer wäre ohne Skrupel vollzogen worden, auch die Kreter hätten nicht gemurrt, die alte, vermeintlich gottgewollte Ordnung wäre intakt geblieben. Und wir wären um eine der schönsten – und wohl auch schwierigsten – Opern gebracht worden. Hätten natürlich auch die neue Realisierung an der Royal Opera durch Marc Minkowski und Martin Kusej nicht miterlebt. Und wären nicht mit gemischten Gefühlen rausgegangen.

Kusej, Chef des Münchner Residenztheaters, gab mit dem ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2014
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Ein rätselhafter Fall

Anita Cerquetti war eine der enigmatischsten Erscheinungen der jüngeren Operngeschichte. Mit 20 debütierte sie 1951 als Aida in Spoleto, in den folgenden Jahren arbeitete sie sich mühsam durch die Provinz und in die erste Reihe vor. Ihre große Stunde schlug, als sie im Januar 1958 nach dem skandalumwitterten «Norma»-Abbruch in Rom für die Assoluta Maria Callas...

Der wiedererweckte Held

Jean-Baptiste Lully und sein Librettist Philippe Quinault schufen die Tragédie lyrique, auch Tragédie en musique genannt, als nationales französisches Musiktheater. Bewusst sah man sich als musikalisches Pendant zur klassischen französischen Tragödie von Corneille und Racine, setzte sich von der italienischen Oper ab und strebte ein Gleichgewicht zwischen gereimtem...

Glitzernd, durchlöchert

Aus den spiegelglatten Wassern des Planeten Solaris ragt eine zerschossene, bröckelnde Teleskopschale empor. Zu den ersten tastenden Klängen von Detlev Glanerts «Solaris» erhebt sich darin ein Mann und gibt sich die Todesspritze. Dieser (nicht singende) Gibarian ist das erste Opfer auf der Raumstation, auf der sich nicht nur Forscher und Abenteurer tummeln, sondern...