Existenziell ist nicht genug
Schwester Helen ist eine besondere Nonne. Im Duett mit dem Todeskandidaten Joseph trällert sie Songs von Elvis Presley, deutet an, dass sie das Zeug zum Partygirl hätte. Es ist jene Szene im zweiten Akt von Jake Heggies «Dead Man Walking», die uns die Vielseitigkeit der sozial engagierten Katholikin aus New Orleans zeigen möchte, sie endgültig zur Heldin des Alltags erhebt. Und es ist tatsächlich ein besonderer Moment. Denn auch das Werk selbst bekennt hier Farbe, gestattet sich eine buntscheckige Lebendigkeit, die ihm sonst fehlt.
Die Oper ist einer realen Geschichte und dem gleichnamigen Film nachempfunden. Sie erzählt von einem Doppelmörder, der kurz vor seiner Hinrichtung zum Geständnis seiner Tat und damit zu einer moralischen Wende gelangt. Doch trotz der brisanten Thematik: Heggie hat eine Oper geschrieben, die in ihren versandhauskatalogartigen Adaptionen der europäischen Musikgeschichte beinahe überraschungsfrei daherkommt – wie das gravitätisch auftrumpfende Gegenstück zu «Europeras» von John Cage. Dass das Stück bei der Europäischen Erstaufführung in der Dresdner Semperoper trotzdem Zustimmung erntete, ist leicht zu begründen. Das Libretto (Terence McNally) ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das diesjährige «Internationale Festival für neues Musiktheater» in München war eine Jubiläums-Biennale. Nicht nur wurde mit mehreren Konzerten und einem Symposion der Gründer und langjährige Leiter Hans Werner Henze aus Anlass seines 80. Geburtstags am 1. Juli gefeiert. Auch der künstlerische Ertrag konnte sich sehen und hören lassen: zwei herausragende,...
Da ist gerade ein Mann Amok gelaufen und hat alles um sich herum zerstört. Nun überfällt ihn eine plötzliche Müdigkeit. Lediglich zwei warme, zarte Viole
d’amore begleiten den Mann. Und niemand weiß, ob es danach jemals wieder ein Leben gibt. Es war dies die ergreifendste Szene des ganzen Abends. Das Erwachen von David Daniels in der Münchner Erstaufführung von...
Beim Inszenieren von Opern wird oft zu wenig auf den so genannten Faltenwurf eines Werkes geachtet. Es müsste von Fall zu Fall geprüft werden, ob die alte Handlung noch schlüssig vorgetragen werden kann, wenn sie zeitlich verlegt wird. Oder ob die Geschichte weitgehend unverständlich bleibt, wenn man sie heutig kostümiert, um damit Aktualität zu demonstrieren. Zu...
