Existenziell ist nicht genug
Schwester Helen ist eine besondere Nonne. Im Duett mit dem Todeskandidaten Joseph trällert sie Songs von Elvis Presley, deutet an, dass sie das Zeug zum Partygirl hätte. Es ist jene Szene im zweiten Akt von Jake Heggies «Dead Man Walking», die uns die Vielseitigkeit der sozial engagierten Katholikin aus New Orleans zeigen möchte, sie endgültig zur Heldin des Alltags erhebt. Und es ist tatsächlich ein besonderer Moment. Denn auch das Werk selbst bekennt hier Farbe, gestattet sich eine buntscheckige Lebendigkeit, die ihm sonst fehlt.
Die Oper ist einer realen Geschichte und dem gleichnamigen Film nachempfunden. Sie erzählt von einem Doppelmörder, der kurz vor seiner Hinrichtung zum Geständnis seiner Tat und damit zu einer moralischen Wende gelangt. Doch trotz der brisanten Thematik: Heggie hat eine Oper geschrieben, die in ihren versandhauskatalogartigen Adaptionen der europäischen Musikgeschichte beinahe überraschungsfrei daherkommt – wie das gravitätisch auftrumpfende Gegenstück zu «Europeras» von John Cage. Dass das Stück bei der Europäischen Erstaufführung in der Dresdner Semperoper trotzdem Zustimmung erntete, ist leicht zu begründen. Das Libretto (Terence McNally) ...
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«Aida» auf Tonnen von Sand in Sporthallen, als Feuerspektakel auf Europatournee, Open Air in der Arena von Verona oder vor dem Tempel der Hatschepsut in Theben – alles schon dagewesen. Aber als Operette in einem palmenbestückten Wintergarten? Bei der Pariser Weltausstellung 1889? Oder doch 1870, zur Entstehungszeit der Oper, in einem imaginären Nobelhotel zu...
In der Regel ist es eher umgekehrt. Da erläutern Regisseure im Programmbuch vollmundig ein Konzept, das sich auch mit «Bedienungsanleitung» nicht so richtig erschließt. Sven-Eric Bechtolf dagegen stapelt dieses Mal tief. Er sagt im Essay zu seiner Zürcher «Don Giovanni»-Neuinszenierung – im Übrigen einer brillanten, konzisen Werkdeutung –, was alles nicht gezeigt...
Das Anhaltische Theater – seit der Jahrhundertwende ein Ort der «Wagnerpflege» – hatte mehr als fünfzig Jahre keinen «Tristan» mehr im Repertoire. Mit einer «naturbelassenen» Neuinszenierung wollte Hausherr Johannes Felsenstein dem abhelfen. Ein unverfälschter «Tristan»? Selbst wer die Münchner Uraufführungsdekorationen kopiert, ist von einer «authentischen»...
