«Euer Ani, Ini, Arnold Daddi»
Solange es große Kunst gab und große Künstler, die sie ermöglichten, so lange existierten immer auch jene Klischees, die eine Nähe zwischen Schöpfung und Schöpfer suggerierten. Bach war ein Sohn Gottes, Mozart ein Spielkind, Beethoven ein Wüterich, Chopin ein Melancholiker, Liszt ein Salonlöwe, Puccini ein Weiberheld – und Wagner ein übler Schnorrer. Auch im Fall von Arnold Schönberg wurde eine gerade Linie gezogen zwischen Leben und Werk.
Bis heute gilt der Pionier der Dodekaphonie vielen als ein knochig-knorriger Dogmatiker, dessen unerbittlich-hermetische ästhetische Anschauungen auch auf seinen Charakter abfärbten.
Nach Lektüre des Buches von Karin Wagner muss dieses Vorurteil zumindest in Teilen revidiert werden. Und keine Spekulationen der Autorin sind es, die dazu Anlass geben, sondern Berichte von Zeitzeuginnen und -zeugen, die es wissen müssen: Die Musikwissenschaftlerin hat die drei Kinder Schönbergs aus seiner Ehe mit Gertrud Kolisch in den USA besucht und lange Gespräche mit ihnen geführt: Aus den zum großen Teil wortwörtlichen, äußerst subjektiven und offenherzigen Erinnerungen von Nuria, Ronald und Lawrence fügt sich ein Bild, das vor allem den liebenden Vater in den Blick nimmt; so ist auch der vermeintlich kindlich-kitschige Titel der Studie zu verstehen: «Euer Ani, Ini, Arnold Daddi».
Die Widmung findet sich unter einem Brief, den Schönberg 1940, während einer Reise an die Ostküste, an seine Frau Gertrud, die kleine Nuria und den noch kleineren Ronald schrieb (Lawrence wuchs und gedieh zu dieser Zeit im Bauch seiner Mutter). Die wachsende Distanz glich der Komponist mit «100000000000 Bussis» aus, und sieht man, wie die Autorin Wagner, das Original, dann weiß man auch, wie wackelig die Fahrt war und wie schwer es Schönberg fiel, die Schreibmaschine halbwegs in Balance zu halten. Man kann dies als Metapher für sein Leben in der Fremde begreifen. Schönberg litt wie ein Hund unter dem Verlust der Heimat; für ihn (wie ebenfalls für viele andere Juden, die vor den Nazis fliehen mussten, um nicht in den Konzentrationslagern umgebracht zu werden) darf gelten, was der polnisch-jüdische Soziologe Zygmunt Bauman in seiner kürzlich auf Deutsch erschienenen Autobiographie «Fragmente meines Lebens» lakonisch mit einem Satz beschrieben hat: «Das Exil raubt dem Flüchtling seine Identität.» Was für Schönberg die Lage noch erschwerte, war die Tatsache, dass es auch um seine gesundheitliche Konstitution nicht gerade gut bestellt war. Man darf nicht vergessen, dass er ein Dreivierteljahr nach seiner Ankunft in New York im Oktober 1933 seinen 60. Geburtstag feierte.
Wobei ihm nach Feiern wahrlich nicht der Sinn stand. Und das hatte mehrere Gründe: Der elementarste davon, dass Schönberg sich mit der US-amerikanischen Mentalität nicht anfreunden konnte. Er blieb Europäer durch und durch, und das, obschon er dankbar war, dass man ihn und seine Familie aufgenommen hatte; als Beleg mag seine Rede «Ins Paradies vertrieben» von 1934 gelten. Wesentlicher aber war die fehlende Anerkennung seiner Arbeit. In Wien und Berlin eine (umstrittene) Berühmtheit, galt er jenseits des Atlantiks als ein Komponist, dessen Klangsprache man nicht wirklich verstand. Das vermutlich Niederschmetterndste aber war für Schönberg, dass er sein opus magnum «Moses und Aron» nicht vollenden konnte – aber nicht etwa, weil ihm die Ideen ausgegangen wären, sondern schlicht und ergreifend, weil ihm die finanziellen Mittel dazu fehlten.
Halt bot ihm vor allem die Familie, davon künden etliche Dokumente und Fotos, die Karin Wagner im Rahmen ihrer Recherche zusammengetragen hat. Vor allem die Briefe Schönbergs an seine Kinder zeigen einen überaus humorvollen, zu Scherzen aufgelegten Vater: Sein ältester Sohn Ronald, der noch heute in jenem Haus im kalifornischen Brentwood lebt, in dem er aufwuchs und Arnold Schönberg starb (den Ohrensessel im Wohnzimmer, «Daddys bevorzugter Aufenthaltsort», bevor er wegen seiner heftigen Asthmaerkrankung ins obere Stockwerk umziehen musste, gibt es nach wie vor), wurde zum süßen «Rundi», die Prinzessin Nuria zu «Nullele Pullele». Selbst für Kalauer war sich Schönberg nicht zu schade: Immer wenn er sich zusammen mit seiner Ehefrau in einem alten Wagen dem Haus näherte, betätigte er die Autohupe, die er mit einem Motiv aus seinem zweiten Streichquartett «frisiert» hatte.
Gleichviel: Dem Versuch, den Vater zu glorifizieren, entgehen die Kinder des Komponisten. Ihre Erinnerungen sind liebevoll, hier und da aber auch kritisch – vor allem, was das Verhältnis ihrer Eltern zueinander betrifft. «Mit Arnold Schönberg zu leben, das war sicherlich eine Herausforderung», konstatiert etwa Lawrence Schoenberg, und auch seine Geschwister erzählen freimütig von Sanktionen, die ihnen väterlicherseits auferlegt wurden, wenn sie wieder einmal über die Stränge geschlagen hatten. Insgesamt aber muss Arnold Schönberg ein äußerst gütiger Vater gewesen sein.
Doch nicht nur um den «Papa» Schönberg geht es in Karin Wagners mutigem Buch; die Autorin blättert sich in einigen eingestreuten Essays noch einmal durch die gesamte Biographie und durch das Œuvre dieses Komponisten, klärt verhangene Kontexte und verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Bedeutung, die er für die musikalische Avantgarde hatte und hat. John Cage beispielsweise, in seiner Ästhetik Lichtjahre entfernt von Schönbergs Idealen, bezeichnete Schönberg trotz dieser offenkundigen Disparität einmal als «magnificent teacher». An Anerkennung also fehlte es nicht in den USA, auch von offizieller Seite nicht. Und doch blieb dieser außergewöhnliche Künstler bis zu seinem Tod im Jahre 1951 ein Fremder. Auch Karin Wagners (Interview-)Studie lässt kaum einen anderen Schluss zu. Es zeigt uns nur einen anderen Arnold Schönberg. Darin liegt kein geringer Verdienst.
KARIN WAGNER: «EUER ANI, INI, ARNOLD DADDI»
Arnold Schönberg in Familienerinnerungen und Essays Czernin Verlag, Wien 2024. 352 Seiten; 28,00 Euro
Opernwelt Januar 2025
Rubrik: Medien, Seite 30
von Jan Verheyen
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