Atem der Tradition
Viereinhalb Jahrhunderte – wer vermag eine solche Zeitspanne zu fassen, mit lebendiger Geschichte zu füllen? Die Staatskapelle Berlin feiert 2020 den 450. Jahrestag ihrer ersten Erwähnung. Als Kurbrandenburgische Hofkantorei bzw. Hofkapelle wurde sie im 16. Jahrhundert ins Leben gerufen, mit einer größeren Anzahl von Sängern und einer weit geringeren an Instrumentalisten.
Mit dem heutigen großen, leistungsfähigen und vielfältig wirksamen Opern- und Sinfonieorchester hatte dieses eher bescheidene Ensemble eigentlich nichts zu tun – es begründete aber eine Tradition, auf die Berlin durchaus mit Stolz blicken darf. Unter den Kulturinstitutionen der Stadt ist die Staatskapelle jedenfalls eine der ältesten, und zudem eine, der es gelungen ist, über die Zeiten mit ihren unterschiedlichen politischen Konstellationen, tiefgreifenden Umbrüchen und mannigfachen Wandlungsprozessen hinweg Bedeutung zu bewahren und neue Relevanz zu gewinnen.
Über den ursprünglichen Klang lässt sich nur mutmaßen – selbst im 18. und 19. Jahrhundert, als die damalige Königlich Preußische Hofkapelle zu einem Orchester von europäischem Rang aufsteigt, ist eine Geschichte dieser Art nur wenig greifbar. Zu den ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Essay, Seite 52
von Detlef Giese
Der Skandal war unüberhörbar, damals, vor neun Jahren. Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Glinkas «Ruslan und Ljudmila» am Bolschoi Theater führte im Saal zu tumultartigen Szenen. Fast in jeder Vorstellung gab es lautstarke Zwischenrufe; man warf dem russischen Regisseur vor, das Werk in abscheulicher Weise verunstaltet zu haben. Kurzum: Das Volk im Parkett und...
Ein Einheitsraum, 16 Musiker, drei völlig verschiedene Sujets: Unter dem etwas großzügig formulierten Motto «Wie klingt die Oper von morgen?» legte Schwedens erstes Haus ein Format von 2016 erneut auf und beauftragte drei renommierte schwedische Komponisten mit jeweils einer «Short Story». Katarina Aronsson, Dramaturgin am Haus und Initiatorin des Projekts,...
Nur stillstehen, das sei nichts für ihn. Bewegen müsse er sich auf der Bühne, so sagte er einmal, aktiv und offensiv am Geschehen teilnehmen, dann sei er locker. Ungestümer als Ende der 1980er-Jahre ging es nicht: Da war Siegfried Jerusalem in der Partie seines Namensvetters eine der Stützen des so körperhaft-klugen Bayreuther Kupfer-«Rings». Eine astreine...
