Erotisches Mysterium
«Wenn nur meinem Kopf nichts passiert, es sind noch so viele schöne Sachen drin», sagte Rudi Stephan zu seiner Mutter, bevor er sich am 13. September 1915 am Wormser Bahnhof von ihr verabschiedete und sich freiwillig zur Ostfront transportieren ließ. Sechzehn Tage später war er tot, getroffen von der Gewehrkugel eines russischen Soldaten. Mit 28 Jahren war ein deutscher Komponist gestorben, der wie nur wenige den opulenten Klang des späten 19. Jahrhunderts mit dem expressionistischen Ausdruck des frühen 20. Jahrhunderts verschmelzen konnte.
Für den Schriftsteller Kasimir Edschmid war Rudi Stephan «die bedeutendste musikalische Kraft des jungen Deutschlands». Seine theatralische Begabung, sein Verständnis für Klangfarben und Stimmungen, für Zuspitzungen und Stillstand ist in seiner einzigen vollendeten Oper «Die ersten Menschen» in jedem Takt zu spüren. Und da fällt es auch wenig ins Gewicht, dass das Libretto Otto Borngräbers, der die biblische Geschichte von Adam und Eva und den Brudermord Kains als «erotisches Mysterium» inszeniert, durch Handlungsarmut und eine pathetisch überladene Sprache geprägt ist. Am 1. Juli 1920 wurde die Oper in Frankfurt mit mäßigem Erfolg ...
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Ist der Mann verrückt? Nein, ist er nicht. Er hat nur einen ausgeprägten Hang zum Abseitigen. Zudem ist er Brite, somit ausgestattet mit einem sehr speziellen Humor; einem Humor übrigens, von dem man sich in deutschen Neue-Musik-Kreisen durchaus eine Scheibe abschneiden könnte. Mit anderen Worten: Sucht man in der europäischen Szene einen Komponisten, der gegen das...
Die Substanz einer Oper ist das Sichtbare, nicht das Erzählbare», stellte der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus einmal kategorisch fest. Dem Opernliebhaber fallen freilich auf Anhieb etliche Szenen ein, in denen recht hemmungslos erzählt wird: Lohengrins Gralserzählung, Wotans großer Monolog im zweiten Akt der «Walküre», die Mägdeerzählung des Ochs auf Lerchenau...
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