Erkenne Dich selbst!
Alice fällt. In der langen Eröffnungsszene wird vom Schnürboden eine Artistin als ihr Double herabgelassen, die in Zeitlupe mal kopfüber, mal kopfunter mit Armen und Beinen Halt und sich der Schwerkraft zu widersetzen sucht. Vergeblich. Dazu entwickelt sich im Graben, aus unheimlich tiefen Schlagzeugklängen, bald eines jener quecksilbrigen, glitzernden Klangbilder, aus denen Unsuk Chin ihre Partitur zusammensetzt. Glocken, sanftes Geklimper, fiepende Glissandi und mehr führen in ein buntes, rätselhaftes Reich der Phantasie, wo die Musik immer wieder Purzelbäume schlägt.
Zwei Stunden und 45 Minuten später hat sich das Blatt gewendet: Alice wird in einem sanften Lichtkegel in die Höhe gesogen. Man denkt unwillkürlich an Ufo-Szenen aus einschlägigen Science-Fiction-Filmen, zumal die Bühne mit ihren schwebenden Ringelementen und kaltem Neonlicht ohnehin den ganzen Abend über eine futuristische Anmutung gezeigt hat. Aber dazu erklingt eben keine Sphärenmusik mit paradiesischen Harmonien und wabernden Chorvokalisen. Stattdessen endet Chins «Alice in Wonderland» mit einem alarmierenden, bedrohlich tobenden Orchester-Crescendo, einer düster sich aufbauenden Verheißung: So klingen die ...
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Opernwelt Januar 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Walter Weidringer
Sie sind einander vermutlich nie begegnet, obwohl sie das gleiche Schicksal teilten, wussten deswegen auch nicht, dass es weitere Parallelen zwischen ihnen gab. Beide Frauen waren jung und jüdischen Glaubens, beide führten, bevor sie ins Konzentrationslager Bergen-Belsen kamen, zwei Jahre lang Tagebuch, die eine in Paris, die andere in Amsterdam. Der wesentliche...
Diese redaktionelle Eingebung ist Legende: «Prima, eine Donna am Pult», lautete 2002 die Überschrift zu einem Porträt der US-amerikanischen Dirigentin Marin Alsop in der «Süddeutschen Zeitung». Alsop war in jenem Jahr zur Chefdirigentin des Bournemouth Symphony Orchestra ernannt worden und damit eine der ersten (von wenigen) Frauen in führender Position. Seither...
Es dauert lange, bis in dieser Inszenierung ein sprechendes Bild auf der Bühne zu sehen ist, eines, in dem Musik und Darstellung zu geglückter Ergänzung finden. Im vierten Akt erscheint ein Geiger im Frack in der traurigen U-Bahn-Unterwelt, in der sich «Ruslan und Ljudmila» in Hamburg meist zuträgt, und macht Straßenmusik. Aber was für eine: Das weit ausgreifende...
