Erinnern und Vergessen Im Raum der Klänge

Weltliteratur fasziniert ­Komponisten seit eh und je. Das war schon bei Händel, Verdi und Berg so. Was in den letzten Jahren dabei ­zunahm, ist die Vielfalt der Auseinandersetzungen. Es ist vor allem eine Vielfalt der ­Erzählformen. Isabel Mundry hat sich nun komponierend mit der «Odyssee» auseinandergesetzt. Was sie daran ­interessiert, ist vor allem die Dialektik zwischen Erinnern und Vergessen, die Suche nach dem, was Heimat sein könnte, kurz: Es sind Wahrnehmungsaspekte. Auch klanglich ist es ein komplexes Stück geworden, weil es den Raum in die kompositorische Perspektive permanent einbezieht. In Auftrag gegeben wurde «Ein Atemzug – die Odyssee» von Udo Zimmermann. Nach Ende von dessen Amtszeit als ­Intendant der Deutschen Oper Berlin kam das Werk an der Bismarckstraße heraus. Für «Opernwelt» hat Isabel Mundry Gedanken zur Arbeit an ihrem Projekt und seinen gedanklichen Hintergründen aufgeschrieben. Auf den ­folgenden Seiten stellen wir jedoch auch die anderen ­beiden Urauffüh­rungen vor, die den Kritikern unserer Umfrage nachhaltig im Gedächtnis blieben: «Da gelo a gelo» von Salvatore Sciarrino bei den Schwetzinger Festspielen und «Doctor Atomic» von John Adams in San Francisco.

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Gedanken

Warum Musik­theater? Warum überhaupt komponieren? Immer wieder stellt sich mir diese Frage, wenn ich sprachlich auf Musik zugehe, auf ihre Geschichte und Gegenwart, ihre Rezeption und institutionellen Bedingungen. Und zugespitzt begegnet sie einem, wenn das Sujet selbst auf Sprache gründet, sie erzeugt und von ihr umgeben ist, wie es im Musik­theater der Fall ist. Auch ungeschriebene Opern sind bereits voll von Geschichten. 
Doch das Komponieren will sich nicht in Worten begründen, selbst wenn sie die musikalische Idee kanalisieren und mit ihr verwoben bleiben.

Es ist dem Komponieren wesentlich, Sprache zu vergessen, indem eine Wahrnehmung umschlägt in eine musika­lische Imagination. So will Musiktheater weder einen Text übersetzen noch erklären, sondern klingend einer Neugierde auf den Grund gehen, die sich auf der Schwelle zwischen außer- und innermusikalischer Wahrnehmung entzündet.
Das Ineinandergreifen von Raum- und Zeitwahrnehmung im Rahmen einer Handlung, die beide Ebenen untrennbar mit ihrem Inhalt zusammenführt – das mag ein zentrales Motiv gewesen sein, warum der Stoff der «Odyssee» mich nicht mehr losgelassen hat und ich dieser Faszination schließlich ...

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Opernwelt Jahrbuch 2006
Rubrik: Uraufführung des Jahres, Seite 32
von Isabel Mundry

Vergriffen
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