Entzauberte Macht
Ach, Aida, wie siehst du nur aus! So ruft unsere innere Stimme, als Gweneth-Ann Jeffers die Bühne betritt, mit einer Ledermappe in der Hand und müder Miene, in miserabel sitzender Kniehose und Oma-Gerda-aus-Pusemuckel-Bluse. Eine Sklavin ist sie nicht, die äthiopische Königstochter, aber eben auch keine Königstochter mehr. So wie Amonasro, ihr auch vokal grobschlächtiger Vater (Peteris Eglitis), kein König und der König von Ägypten auch nur ein Abziehbild von einem Minister von heute ist.
Nein, diese Aida ist eine gewöhnliche (als Sängerin zwar expressive, doch mit der Intonation kämpfende) Fremde, die es in ein Land verschlagen hat, das von zwei Seelenzuständen beherrscht wird: der Bürgerseele und der Soldatenseele. Dieses Land könnte überall sein, es ist Metapher für den Zustand einer moralisch verlotterten Gesellschaft, die zu wissen meint, was richtig für andere ist. Man gibt sich also Mühe, die Gefangenen, die der stimmlich solide Feldherr Radames (Alexej Kosarev) nach blutigem Gefecht anschleppt und die ein bisschen aussehen wie eine Gruppe verirrter Esoteriker, zu guten, will sagen: angepassten Menschen zu machen. Man zeigt ihnen, wann man über eine Straße geht (wenn die ...
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Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Jürgen Otten
Schon nachvollziehbar, dass just diese Oper zu den Lieblingsstücken Adolf Hitlers gehörte. Denn jenseits der in ihrer schwermütigen Melodik und manchmal auch plakativen Machart an den italienischen Opernnaturalismus – Verismo – erinnernden Musik birgt die Fin-de-Siècle-Geschichte viel Treibstoff für eine «Blut und Boden»-Ideologie: Unverdorbener Junge – Pedro – aus...
Mit realistisch ausgerichtetem Musiktheater würde man sich bei Mozarts «Idomeneo» mit seiner noch in vielem den Abläufen der alten Opera seria geschuldeten Form schwer tun. So verzichtete Kay Kuntze in seiner Bremer Regiearbeit denn auch auf wirklichkeitsgetreues szenisches Abbilden und verlegte sich auf eher rational durchgestaltete Bewegungsabläufe von...
«Trau keinem über dreißig!», war die Devise der Achtundsechziger. Die aufbegehrenden Studenten wussten, welch reaktionäre Seilschaften hinter den Kulissen manch altehrwürdiger Institutionen immer noch ihr Unwesen trieben. Die Verfehlungen der Vergangenheit sollten aufgedeckt werden, ebenso deren Weiterwirken; es galt, die Fassaden der Macht zu brechen. Dass die...
