Entschlackungskur
Warum nur kommen Baraks Brüder eigentlich einarmig, einäugig und bucklig daher? Ganz einfach: Die drei schrundigen Gestalten sind versehrte Veteranen des Ersten Weltkriegs, mittellos heimgekehrt und nun aufgenommen im Unterschichtenhaushalt des Färbers und der Färberin. Brigitte Fassbaender erhellt in ihrer Kieler Inszenierung sogleich das symbolverschwurbelte Märchendunkel von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, die ihr an Wundern reiches Werk bekanntlich mitten im ersten großen Weltenbrand des 20. Jahrhunderts schufen.
Wie viele Kollegen vor ihr stellt sie das Stück in den Kontext seiner Entstehungszeit, damit auch konsequent vom Kopf auf die Füße.
Ihr Ansatz gleicht einer Entschlackungskur, die aus den seltsam Namenlosen, die das Libretto Kaiserin, Kaiser, Amme und Färberin nennt, Personen aus Fleisch und Blut macht. Deren allzu menschliche Sehnsüchte, Leidenschaften und Kommunikationskatastrophen bringt uns Fassbaender verblüffend nahe. Und setzt dabei in ihrer ausgefeilten Personenregie verstärkt auf ein theatralisches Mittel, das dieses Bühnenwerk in seiner hehren Gedankenhöhe bislang scheinbar gar nicht nötig hatte: den Humor.
Davon profitiert insbesondere die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Peter Krause
Wolfgang Rihms «Jakob Lenz» hat in Frankreich gerade Konjunktur. Zwei Monate vor dem Festival in Aix-en-Provence, bei dem Andrea Breth ihre Stuttgarter Deutung erneut vorlegen wird (am Pult: Ingo Metzmacher), war das Stück nun bereits im Pariser Théâtre de l’Athénée zu erleben, das sich unter der Leitung seines Direktors Patrice Martinet seit Jahren verstärkt dem...
Schmutzige, düstere Schäbigkeit, ein aufgegebenes Hochhaus bietet den Opfern der Geschichte und der zerstörten Natur Unterschlupf. Die Stadt Babylon wurde zerstört, nie wieder soll sie erbaut werden – so zitiert ein «Skorpionmensch», ein Cyborg mit metallenem Stachel, alttestamentarische Propheten zu Beginn der Oper «Babylon» von Jörg Widmann und Peter Sloterdijk....
Knuddelig schauen sie aus, die drei Bernhardiner! Sie tragen zwar Prothesen, doch schließen wir sie deswegen umso inniger ins Herz. Leider sind die fantastischen Drei nicht echt, sondern nur Einrichtungsgegenstände, uns vage bekannt aus Haushalten von Zeitgenossen, die viel Geld und wenig Geschmack haben. Wollte Regisseur Mariano Pensotti damit auf die...
