Eine Enttarnung
Hysterische Zwischenrufe während Theateraufführungen haben etwas von fäkalen Bauchlauten nach einem reichhaltigen Essen: Zwar kontaminieren sie die Atmosphäre, doch künden sie auch von intensiver Reaktion auf die Materie. Im Theater an der Wien, bei Verdis «Attila» in Peter Konwitschnys Inszenierung, gab es während der Premiere einen Entrüstungssturm, lautstarke Scharmützel zwischen Gegnern und Anhängern, auch manch verbales Gerülpse unter der Gürtellinie.
Eine renommierte deutsche Tageszeitung jubelte: Endlich wieder ein zünftiger Opernskandal!
In der hier beschriebenen dritten Vorstellung blieb es in dieser Hinsicht zivil; dafür kündete das Buch im Foyer, das normalerweise die Adressen von Informationsbedürftigen aufnimmt, vom Frust mancher Besucher – darunter auch solcher aus Italien. «Vergogna», Schande, hatte einer geschrieben, und natürlich das Übliche: «Povero Verdi!». Daneben ein etwas unleserlicher Name, den man auch als «Adorno» hätte entziffern können.
Kryptischer Hinweis eines Insiders? Der Philosoph war vor mehr als einem halben Jahrhundert in seiner «Einleitung in die Musiksoziologie» ja mit der Darstellbarkeit von Oper scharf ins Gericht gegangen: «Unablässig hat ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 32
von Gerhard Persché
Es gibt ein Nachspiel. Da steht der Regisseur Frank Castorf im Buhgewitter vor dem Vorhang des Bayreuther Festspielhauses und steht und steht. Er will einfach nicht abgehen, schaut auf die Uhr, schaut auf die wütende Menge, zeigt ihr den Vogel. Will er etwas sagen? Das Publikum will es jedenfalls nicht hören. Immerhin hatte Castorf sechzehn Stunden Zeit, alles zum...
Das ist doch was. Da steht man mitten in Richard Wagners großem Salon, es riecht nach Holz und Mauerwerk, der Putz ist ab, der Stuck löchrig und der Boden bedeckt mit Staub und Plastikplanen. Von dort schaut man auf Vitrinen und Videoanimationen: lauter realisierte und nicht realisierte Luftschlösser. «Götterdämmerung» heißt die Ausstellung in der Villa Wahnfried....
Das Verdi- und Wagner-Jahr 2013 ist auch ein Benjamin-Britten-Jahr, das aber im Jubiläumstrubel für die beiden großen Antipoden schier unterzugehen droht. Die Deutsche Oper Berlin hat, nicht eben überzeugend, «Peter Grimes» gespielt (OW 3/2013), Hamburg sich für die unterschätzte «Gloriana» eingesetzt (OW 4/2013). Die Düsseldorfer Rheinoper kündigt für die kommende...
