Ein paar Kleinigkeiten

Stephan Mösch über die «Lohengrin»-Premiere von Kent Nagano und Nikolaus Lehnhoff in Baden-Baden, dazu ein Gespräch mit dem Intendanten Andreas Mölich-Zebhauser

Opernwelt - Logo

Auch wenn man es ihm nicht sofort anmerkt: Musikalisch ist «Lohengrin» durch und durch ein Werk des Übergangs. Bis zum «Rheingold», wo sich das Motivgewebe radikal und frei ausbreitetet, bleibt ein weiter Weg. Noch kleben die Themen eng an dem, was Wagner später als «quadratische Tonsatz-Konstruktion» verspottete. Noch sind ihre Metamorphosen begrenzt, ihre Zuordnungen einsträngig. Klangfarbenkomposition und Fanfaren, subtile Sugges­tion und Grand Opéra, Adaption und Selbsterkundung: Das alles liegt hörbar nahe und fremd beieinander.

Mit anderen Worten: «Lohengrin» ist auf seine Interpreten angewiesen. Ein schlecht ­dirigierter «Tristan» kann immer noch überwältigen. Ein missverstandener «Lohengrin» klingt wie ein flaues, disparates Stück. Kempe, Sawallisch, Abbado wussten darum. Auch Wagner hat es natürlich geahnt. Weil er bei der ersten Einstudierung in Weimar als steckbrieflich gesuchter Revolutionär nicht dabeisein konnte, schickte er beschwörende Briefe an Franz Liszt, den Dirigenten. Was er beschwor, war eine Einheit, gebildet aus tausend winzigen Tempoveränderungen, eine sprechende Phrasierung der Instrumente, kurz: eine Kunst des kleinsten Übergangs, die er erst später ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2006
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Stephan Mösch

Vergriffen
Weitere Beiträge
Wagner: Tristan und Isolde

Das Anhaltische Theater – seit der Jahrhundertwende ein Ort der «Wagnerpflege» – hatte mehr als fünfzig Jahre keinen «Tristan» mehr im Repertoire. Mit einer «naturbelassenen» Neuinszenierung wollte Hausherr Johannes Felsenstein dem abhelfen. Ein unverfälschter «Tristan»? Selbst wer die Münchner Uraufführungsdekorationen kopiert, ist von einer «authentischen»...

Musikalisches Glück

Als Offenbachs «Rheinnixen» 2002 in Montpellier konzertant «wiederentdeckt» wurden, glich das einer Sensation, die vom Publikum heftig gefeiert wurde. Nicht minder Aufsehen erregend war die erste szenische Wiederbelebung 2005 in Ljubljana – einhundertein­undvierzig Jahre nach der Urauffüh­rung.
Jacques Offenbachs Oper «Les Fées du Rhin», deren deutscher Titel etwas...

In der Manege

Im historischen Teatro Nacional de São Carlos hangelt sich Alberich als Quereinsteiger aus der No-Future-­Generation zur welterschütternden Tat. Nur mit roter Irokesenbürste und einem Wollhöschen bekleidet, das mehr schlecht als recht eine gewaltige Protuberanz verhüllt, kauert er auf einer güldenen Logenbrüstung, um sich an den Tutus und Pumps der drunten...