Ein Ort der Überraschung

Annette Dasch über die Ersetzbarkeit von Sängern und die Unersetzbarkeit der Oper

In diesen Tagen hätten die Proben zu «Metanoia» mit Christoph Schlingensief beginnen sollen. Christoph hinterlässt ein Vakuum. Er ist nicht ersetzbar. Das gilt für seine Person, aber auch für den Regisseur generell. Wir Sänger sind immer ersetzbar, auch kurzfristig. In den letzten Wochen habe ich bei den Bayreuther Festspielen sechsmal die Elsa gesungen – mit drei verschiedenen Lohengrin-Darstellern. Selbst ein so herausragender Sänger wie Jonas Kaufmann kann also ersetzt werden. Das ist das Schwere an diesem Beruf.

Oder umgekehrt und positiv formuliert: Es gibt viele gute Sänger, die nur auf ihre Chance warten, einspringen zu können. [...]

Ich wollte unbedingt Sängerin werden, aber die Oper mochte ich eigentlich nicht. In verstaubten Kostümen Tosca singen, was soll das mit unserer Gesellschaft zu tun haben? Meine Freunde wollten alle gesellschaftlich relevante Berufe ergreifen: Sie wollten Architekt werden oder Hebamme, oder sie haben Ökotrophologie studiert. Ich habe mich dann trotzdem für Musik entschieden, weil es starke Einflüsse schon in der Kindheit gab. An meiner Schule gab es zum Beispiel einen guten Komponisten, dessen Werke wir spielten, quasi experimentell. Später habe ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2010
Rubrik: 50 Jahre «Opernwelt», Seite 95
von Annette Dasch

Vergriffen
Weitere Beiträge
«Du bleibst hier!»

Christoph!!
«Kein Bock auf Himmel! Ich will noch hierbleiben»,
hast du immer und immer wieder beschwörend gerufen.
Und du hast Recht behalten.
Du bleibst hier!
Auch wenn du einen gemeinen, ungleichen Kampf, der nicht zu gewinnen ist,
   jetzt verloren hast.
Du bleibst hier.
Obwohl, wenn man sich ansieht, was die da oben mit ihrer Vorsehung treiben,
haben die dich...

Risiko und Verantwortung

Wenn man als Operndirektor eine junge Sängerin, die im internationalen Geschäft noch keinen Namen hat, mit der Titelpartie in Puccinis «Madama Butterfly» betraut und davon überzeugt ist, dass sie diese Partie nicht nur am Premierenabend, sondern im Laufe der Saison zwanzigmal singen und spielen kann, wird einem von verschiedener Seite viel Mut zum Risiko...

Die Ecke, nicht der große Kreis

Utopie Nummer 1: Ich träume von einer Zukunft, in der das System internationaler Koproduktionen, dieser ganze internationale Opern-Supermarkt zusammenbricht. Dann werden wir uns daran erinnern, was wirklich wichtig ist: statt Allgemeingültigem etwas ganz Spezielles zu erschaffen, mit speziell ausgewählten Künstlern an einem speziell ausgewählten Ort für ein ganz...