Ein Himmel voller Leichen
Gut möglich, dass John F. Coetzee, der südafrikanische Nobelpreisträger, Becketts «Warten auf Godot» im Hintersinn hatte, als er im Jahr 1980 seinen Roman «Waiting for the Barbarians» schrieb. Hier wie dort warten Menschen darauf, dass jemand auf der Bildfläche erscheint. Und in beiden Fällen entpuppt sich das Warten als wesentliche Handlung; diejenigen, respektive derjenige (wie im Fall Godot), auf die oder den man wartete, tauchen bis zum Ende nicht auf, bleiben Phantome, Wunsch- oder besser: Schreckensvorstellung.
So weit die Parallelen.
Der Rest ist mehr als ein feiner Unterschied. Coetzees Roman nämlich beschreibt das Wesen eines barbarischen Regimes. Als deutscher Leser ist man geneigt, sich – nicht zuletzt wegen der Verwendung des Wortes «Reich» – an die Nazizeit erinnert zu fühlen. Coetzee definiert nicht, welches Land er meint; er meint die Schreckensherrschaft im Allgemeinen, ohne das Besondere (Südafrikas Apartheidspolitik) gänzlich aus den Augen zu verlieren. Kurzum: «Waiting for the Barbarians» ist eine Parabel, ja, ist, mehr noch, eine Metapher, deren Grundlage politische Realitäten ist. Taugt der Roman als Vorlage für eine Oper?
Philip Glass und sein Librettist ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Wohnt jedem Anfang ein Zauber inne? Mit der Wahl von Paul Hindemiths «Mathis der Maler» zum Auftakt ihrer ersten Saison an der Hamburgischen Staatsoper wollte Simone Young «ein Zeichen» setzen. Die Oper stelle die Frage «nach der Rolle des Künstlers in Politik und Gesellschaft» und danach, «welche Funktion die Kunst in einer Zeit ausübt, in der die Welt vor...
Demokratischer als zur Eröffnung der neuen Spielzeit am Teatro «G. B. Pergolesi» in Jesi in der Adria-Region Marken hätte es in einem Opernhaus nicht zugehen können. Wann bietet sich Premierenbesuchern sonst die Möglichkeit, selbst darüber zu befinden, welche Ouvertüre den Auftakt zum Abend geben sollte? Kurz vor Beginn durften die Zuschauer das Stück ihrer...
«Leicht will ich’s machen dir und mir», singt die Marschallin im «Rosenkavalier». An Opernaufführungen im Festsaal von Schloss Esterházy hat sie dabei freilich nicht gedacht. Denn den in sich geschlossenen barocken Raum für Bühnenaufführungen zu nutzen, den wunderbaren Fresken und Deckengemälden Carpoforo Tencallas theatralische Bilder entgegenzusetzen, ist eine...
