Editorial Januar 2021

Das Bonmot findet sich in einer der pointiertesten Schriften aus der Feder von Karl Marx: «Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte», erschienen 1852. «Hegel», heißt es da nicht ohne Süffisanz, «bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.

» Abseits des konkreten, hochgradig speziellen historischen Kontexts erlangt die Marx’sche Sentenz auch in diesen Tagen und Wochen wieder erhöhte Bedeutsamkeit und wird zudem wohl so manchem Theaterintendanten auf der Zunge liegen, denkt er bei Nacht an die Situation seines Hauses. Die Tragödie vom März vergangenen Jahres, als sämtliche Musentempel schließen mussten, schien ja bereits Geschichte zu sein, als im Sommer und Frühherbst die Funken der Hoffnung nur so durch die Opernlandschaft stoben. Nun aber, im Zuge des zweiten, bis in den Januar verlängerten Lockdowns, wiederholt sich die Geschichte, und man fragt sich in der Tat, ob es diesmal nicht doch eher einer Farce gleicht, was da geschieht. Zugespitzt formuliert: Das öffentliche Leben, zu dem selbst in der säkularisierten Spätmoderne noch ...

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Opernwelt Januar 2021
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten

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