Editorial
Ein Gespenst geht um in der Opernszene. Es hört auf einen alten Begriff, den es verzerrt: Aktualität. Als sich Calixto Bieito kürzlich in Berlin an «Madame Butterfly» vergriff, verlegte er die Handlung in ein Etablissement für Sextourismus. Die Aufführung zu rezensieren, lohnt sich nicht, da sie nur ein weiteres Beispiel für die Guinness-Buch-verdächtige Fähigkeit des katalanischen Regisseurs ist, Sex und Gewalt nach Art eines simpel-narrativen Realismus in Opern des Standardrepertoires zu interpolieren.
Auch dass hierbei persönliche Neurosen mit dem Hinweis auf die Schlechtigkeit unserer Welt verbrämt werden, wäre bestenfalls unter der Rubrik verunglückter Lokaltermine zu vermelden. In der Form eines Dokumentarfilms über westliche Männer auf der Suche nach preiswerter Befriedigung oder die Ausreisebemühungen asiatischer Prostituierter wäre Bieitos Moralkeule zweifellos besser verpackt gewesen.
Das Problem besteht darin, dass die Komische Oper eine Inszenierung von Puccinis Oper ankündigte. Darüber hinaus wurde sowohl Publikum als auch Ensemble suggeriert, das Haus positioniere sich neu und spezifisch, indem es mit seinen Aufführungen auf aktuelle Probleme reagiere. Die ...
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