Durch Horváths Brille
Ein «Ring» für die Pariser Oper war mit Blick auf das Wagner-Jubiläum dringender Wunsch des neuen Intendanten Nicolas Joël. Der letzte am Haus war 1976 von den alternierenden Regisseuren Peter Stein und Klaus Michael Grüber nach den ersten beiden Abenden abgebrochen worden. Am Châtelet folgten der «Ring» von Pierre Strosser, später die Übernahme des Zürcher Wilson-«Rings». Nun vollendete die Opéra National innerhalb von zwei Jahren ihre eigene Tetralogie: die erste seit über einem halben Jahrhundert.
Günter Krämers Inszenierung der «Götterdämmerung», optisch weit weniger streng als seine Hamburger Produktion von 1993, mischt Deutschland-Klischees und Horváths «Wiener Wald»-Personnage mit französischem Existenzialismus und Becketts «Endspiel». Schauplatz ist die Oktoberfest-«Wies’n» nach dem letzten Bier. Gunther im grünen Lodenanzug und sein Halbbruder Hagen im Rollstuhl sind wie Becketts Clov und Hamm auf einander angewiesen. Es ist denn auch Gunther, der Siegfried als Hagens verlängerter Arm den tödlichen Stich versetzt und von Hagen erwürgt wird, als er sich mit dem Griff nach dem Ring emanzipieren will. Christiane Libors Gutrune changiert zwischen Horváths Marianne und drallem ...
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Opernwelt August 2011
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Boris Kehrmann
Herr Lucic, Inszenierungen des «Macbeth» spielen häufig in einer Ostblock-Diktatur. Sie sind in einer Ostblock-Diktatur groß geworden. Sehen Sie auch diese Parallele?
Ich würde das nicht vergleichen. Für mich ist Macbeth einfach eine verrückte, blutige Figur, die im Grund ganz unsicher ist. Ich sehe ihn auch nicht als zutiefst bösen Menschen. Für mich erklärt sich...
Warum spielen wir uns Komödien und Tragödien vor? Um das Leben besser zu verstehen. Und um es ein wenig erträglicher zu machen. All die Dramen von Lust und Leid, Gewalt und Leidenschaft, Mord und Totschlag, die uns in Atem halten, seit der Mensch die Schöpfung aufmischt. Christoph Nix erzählt diese Geschichte gern. Er hat sie vermutlich schon oft erzählt. Damit man...
Das Stück beginnt lange vor dem Stück. Während die freilufterfahrenen und mit Kissen ausgerüsteten Schweriner ihre Plätze suchen, tummelt sich das «Freischütz»-Volk schon auf der Bühne. Es lacht und trinkt, die Mädchen machen schöne Augen, die Männer zielen auf eine Scheibe. Die Ouvertüre setzt ein, alle geben die Bühne frei für das Orchester, allerdings nur im...
