Dreamland: insolvent
Vielleicht ist die Spitze des Bleistifts, mit dem François-Xavier Roth an diesem Abend dirigiert, der Fluchtpunkt, jedenfalls das Kraftzentrum des Ganzen. Vielleicht hat er kurz zuvor mit eben diesem Stift noch Ausrufezeichen und das eine oder andere «Voilà!» in Humperdincks Partitur hineingeschrieben. Immerhin zählt er «Hänsel und Gretel» zu den am besten komponierten Opern des späten 19.
Jahrhunderts, und ebenso körpersprachlich engagiert scheint er dem Gürzenich-Orchester zu signalisieren: «Schaut, was er da macht! Toll!» Weich und warm und so leise wie möglich setzen die Blechbläser gleich mit dem «Abendsegen»-Choral ein, dann zart eingehüllt in dunklen Streicher-Samt. Roth nimmt Humperdincks zur durchschlagenden Wirkungslosigkeit eines Weihnachtsklassikers geratene Erfolgsoper, zwischen Wagner-, Märchen- und erfundenem und echtem «Volks»-Ton ganz ernst und sehr en détail, findet die schwierige Balance von Raffinesse und Schlichtheit. Das bekommt dem symphonischen Märchen bestens, und gleich der Anfang gerät schon fast zu schön, um wahr zu sein.
Ist es, sobald es szenisch los geht, dann auch nicht. Wir schauen auf die Reste eines offenbar insolvent gegangenen Vergnügungsparks ...
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Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Holger Noltze
Seien wir ehrlich: Das Stück war uns unbekannt. Und auch sein Schöpfer, der portugiesische Barockmeister Francisco António de Almeida, 1702 geboren und vermutlich beim Erdbeben von Lissabon anno 1755 zu Tode gekommen, kaum vertraut. Aber was ist das für eine Musik! Göttlich ist sie, würde- und seelenvoll, erhaben – und von einer Schönheit, die überirdisch zu nennen...
JUBILARE
Param Vir kam in Neu-Delhi zur Welt. Im Alter von neun Jahren begann er, Klavierunterricht zu nehmen und begeisterte sich für Musik. Als 14-Jähriger fing er an zu komponieren und lernte den deutschen, damals in
Delhi lebenden Komponisten Hans-Joachim Koellreutter kennen, der ihn in Kontrapunkt und Harmonielehre einführte und mit der Zwölftonmusik bekannt...
Es dürfte sich wohl kaum um einen Zufall handeln, dass im zweiten Pandemie-Winter Bachs «Weihnachtsoratorium» gleich an drei deutschen Opernhäusern als szenisches Musiktheater auf die Bühne gebracht wird. Man könnte in dieser Häufung einen Hang zu neuer Spiritualität oder Tiefgründigkeit vermuten, nach denen es die Opernseelen dürstet, vielleicht aber auch einen...
