Donizettis Wahnsinnsfrauen

Valery Gergiev unterschlägt das Drama in «Lucia di Lammermoor», Mark Elder trifft den changierenden Ton von «Linda di Chamounix»

Den eindrucksvollsten special effect seines ganzen Opernschaffens konnte Gaetano Donizetti nie hören: Weil der für die Uraufführung seiner «Lucia» verpflichtete Glasharmonika-Spieler sich kurz vor der Premiere mit der Theaterleitung überworfen hatte, musste der Komponist die Begleitung der Wahnsinnsszene kurzfristig für Flöte umschreiben.

Der weltweite Erfolg des Schottendramas sorgte dann vollends dafür, dass die ursprüngliche Absicht in Vergessenheit geriet und sich die praktikablere Flöte durchsetzte – erst in den letzten Jahren haben einige Aufführungen (zum Beispiel an der Hamburger Oper) auf die von Donizetti auch in anderen Werken («Elisabetta al Castello di Kenilworth») zur Schilderung mentaler Grenz­überschreitungen genutzten Klangfarben der Glasharmonika zurückgegriffen. Inzwischen scheint sich diese Variante etabliert zu haben.

Nach einem im letzten Jahr bei Naxos veröffentlichten Mitschnitt aus Bergamo ist
Valery Gergievs Neuaufnahme nun schon die zweite «Lucia» in der Glasharmonika-Version, und der sphärisch-körperlose, wie aus einer anderen Welt herübertönende Auftritt des Instruments sorgt prompt für den stärksten Moment der Einspielung. Viel mehr Positives gibt es ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2011
Rubrik: Medien | CDs, DVDs, Seite 46
von Jörg Königsdorf

Weitere Beiträge
Anregend, ausgewogen, aufregend

Aufnahmen im Mehrkanalton-Verfahren tendieren oft zu einer gewissen Weichzeichnung. Der Klang ist räumlicher, aber oft auch weniger scharf konturiert. Man mag das bedauern, doch dem «Parsifal», der im Dezember 2010 mit den Philharmonikern des Niederländischen Rundfunks unter Jaap van Zweden anlässlich einer konzertanten Aufführung in Amsterdam mitgeschnitten wurde,...

«Der schwierigste Opernjob in Deutschland»

Als sie 2004 aus Kiel an die Deutsche Oper Berlin wechselte, schwebte über dem einst legendären Haus der Ruf einer Krisenstätte: Christian Thielemann war im Zorn abgetreten; das Orchester schmollte, weil es sich finanziell ­benachteiligt fühlte; das Repertoire war in beklagenswertem Zustand; die Politik brütete über Fusionsplänen. Und dann hatte  Kirsten Harms ...

Königliches Vergnügen

Als Ludwig XIV. ab 1661 ein altes Jagdschloss seines Vaters in eher sumpfig-fiebrigem Gelände zur Residenz ausbauen ließ, hatte das zwei Gründe. Er wollte, fern von Paris, den aufständischen Adel domestizieren, den er an den neuen Hof band. Und er wollte sich eine Kulisse seiner Herrschaft schaffen, die seinen Ruhm inszenieren, spiegeln, steigern und vor allem...